Erste Eindrücke

Die Vielfalt und ihre Herausforderungen

Bewusst habe ich die Gespräche mit Personen gestartet, welche ich nicht so gut kenne wie jene, mit welchen ich in meiner Zeit als Co-Fachstellenleiter der Landeskirche des Kantons Luzern zu tun hatte. Es sollte mich aus der gewohnten Sichtweise und dem Bewusstsein eines breiten Konsens hinausführen zu Neuem, wenig Bekanntem. 

Bereits nach den ersten drei Gesprächen hat sich meine Annahme bestätigt, dass es grosse Unterschiede im Bereich der offenen kirchlichen Jugendarbeit (OKJ) gibt, welche sich durch die Eigenheiten der jeweiligen Gebiete und die darin arbeitenden Personen ergeben. Überrascht hat mich das Ausmass der unterschiedlichen «Fachsprache». Die durch die Zusammenarbeit der kantonalen Fachstellen auf Deutschschweizer Ebene eingebürgerten Begriffsverwendungen haben in diesen Gesprächen wenig geholfen. Insbesondere beim ersten Gespräch war der Lerneffekt insgesamt gross. So konnte ich aufgrund dieses Gespräches meine Formulierungen anpassen und damit besser zu den Informationen gelangen, welche ich für die Ziele der Tour benötige. Ebenso benötigte es eine Anpassung in der Gewichtung des Gesprächsziels: Es ist weniger wichtig, den Fragekatalog ausgefüllt zu haben – wichtiger ist ein guter Einblick in die spezifische Arbeit vor Ort und die bestehenden Sichtweisen gegenüber der OKJ.

Same Same but Different

Es ist mir aufgefallen, dass nicht nur die Unterschiede in der jeweiligen Ausgestaltung der OKJ zu «Andersartigkeit» führen. Es fehlt ein allgemein bekanntes und verbindendes «Grundraster an Begriffen», das es ermöglicht, seine Arbeit in der kirchlichen Jugendarbeit – und insbesondere in der OKJ! – darzulegen und zu begründen.

Das fehlen einer einheitlichen «Fachsprache» in der OKJ erschwert das erschliessen von Synergien, den Know-How Transfer, eine gemeinsame Lobbyarbeit, usw. Dabei könnte eine gemeinsame Sprache unter den Fachpersonen die Arbeit gegenüber Dritten verständlicher machen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten klarer begründen sowie gegenseitige Inspiration wecken.

Das Profil der OKJ muss der Umgebung entsprechen

«Intelligenz ist die Fähigkeit, seine Umgebung zu akzeptieren.» (William Faulkner) Dieses Zitat las ich in einem Bus auf dem Weg zu einem der Gespräche. Interessanterweise entdeckte ich im Gespräch dann gleich eine Wirklichkeit, die dieses Zitat belegt. In einer Umgebung, in der verschiedene Religionsgemeinschaften in der Jugendarbeit tätig sind, verändert sich das «offen» der OKJ in ein «offen mit einem klaren konfessionellen Profil». Die berühmte «Niederschwelligkeit» der OKJ würde hier zum Untergang des Angebots der kath. Kirche für Jugendliche führen. Denn sie würde in diesem «Wald aus Positionen und Glaubensstandpunkten» mit einer Zurückhaltung ihrer eigenen Glaubensüberzeugungen schlicht als inkompetent betrachtet werden. Wie dieses «offen mit einem klaren konfessionellen Profil» sich zusammensetzt und ausgestaltet, ist eine interessante Fragestellung, die ich gerne in die weiteren Gespräche mitnehme.

In anderen Umgebungen, die mir auf dieser Tour bis anhin begegnet sind, würde das oben skizzierte Profil kontraproduktiv wirken. Hier ist die OKJ aufgefordert, ihre Kompetenz in Bezug auf die «Niederschwelligkeit» möglichst geschickt einzusetzen. Kooperationen mit der offenen Jugendarbeit der Gemeinden, mit Schulen, Jugendvereinen/-verbänden, usw. schaffen Möglichkeiten, den Glauben und die Kirche sanft ins Spiel zu bringen. Damit erreicht sie die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt und vermag durch das sich niederschwellige einbringen, Vertrauen aufzubauen, Interesse zu wecken, ihre Kompetenzen vorzustellen und Vorurteile abzubauen. Denn die Realität zeigt auf, dass aus der bestehenden Skepsis gegenüber der kath. Kirche (aber auch anderen Religionsgemeinschaften) bei einem grossen Teil der Jugendlichen eine grundsätzliche Ablehnung resultiert, die es ernst zu nehmen und zu überwinden gilt. Wie diese Skepsis überwunden werden kann und was auf die Überwindung folgen soll, sind weitere Fragen, die zur Klärung des Profils der OKJ beitragen.

Gespannt auf die weiteren Gespräche – Viktor Diethelm, Leiter Fachstelle OKJ