3          Junge Menschen wahrnehmen

Leitend für die Arbeit der OKJ sind die Interessen, Anliegen, Bedürfnisse und Fähigkeiten von jungen Menschen. Sie bilden die Ressource der OKJ und fordern diese gleichzeitig heraus, der Ganzheitlichkeit der jungen Menschen so auf die Spur zu kommen, dass die OKJ ihrem Auftrag und ihrem Grundanliegen gerecht werden kann. Dafür ist es notwendig, junge Menschen aus verschiedenen Perspektiven in ihrem Dasein wahr- und ernstzunehmen.

Verschiedene Perspektiven zu kennen ist eine wichtige Grundlage dafür, junge Menschen in ihrer Komplexität zu verstehen. Die OKJ lehnt ein fertiges Konzept eines Menschenbildes von jungen Menschen für ihre Arbeit ab.[1] Vielmehr lädt die OKJ zu Auseinandersetzungen mit verschiedenen Perspektiven ein, um in den Begegnungen und im Teilen der Lebens- und Glaubenswelten auf Augenhöhe jene Einzigartigkeit junger Menschen kennenlernen zu können, welche die OKJ inspiriert und beseelt.

Die Auswahl nachfolgender Perspektiven soll beispielshaft[2] aufzeigen, wie einzelne Aspekte zu einem realistischen Bild von jungen Menschen beitragen können.

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[1] «Das Bilderverbot (Ex 20,4) schützt die Bestimmung u. Würde des M. Liebe bedeutet für Max Frisch, sich kein Bild zu machen. Die Liebe kommt nach B. Brecht ohne Entwurf nicht aus. Ein Entwurf ist aber kein Bild, sondern Fragment, Spur, Hoffnung. Die Rede von «M.-Bildern» ist. krit. zu hinterfragen. Zum Bild gehört das Zerbrechen des Bildes.» Quelle: Lexikon der Religionspädagogik

[2] Verweis darauf, dass die Liste und Ausführungen nicht abschliessend sind.

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3.1     Anthropologie

Die Anthropologie, welche als Oberbegriff für die verschiedenen Einzel- und Humanwissenschaften verwendet wird, befasst sich mit der Grundfrage: Was ist der Mensch? Sie weist letztlich auf die Komplexität des Menschseins hin, welche eine abschliessende Antwort als unzulässig erkennen lässt.

In der Arbeit mit jungen Menschen wird immer mit einer impliziten Anthropologie gearbeitet. Diese gilt es fortwährend zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Für die OKJ ist dabei eine Anthropologie zentral, die ein ganzheitliches Bild des Menschen skizziert[1]. Der Mensch in seiner Leib-Seele-Geist Ganzheit gilt es als Subjekt wahrzunehmen. Die Leiblichkeit erstreckt sich dabei über alle Sinne des Körpers und der damit zusammenhängenden psychosomatischen Wirklichkeit. Die seelisch-geistliche Dimension ist dabei ein gleichwertiger Teilbereich des Menschensein und steht in unmittelbarer Verbindung zum Leib.[2]

Exkurs: eine anthropologische Fragestellung

Besitzt der Mensch Freiheit?

Neurobiologische Erkenntnisse deuten immer wieder darauf hin, dass der Mensch durch neurologische Prozesse bestimmt ist und daher der freie Wille im naturwissenschaftlichen Weltbild keinen Platz hat. Die biologische Anthropologie beschränkt sich somit auf die biologischen Vorgänge des Menschen und schliesst daraus ihre Erkenntnisse.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der Philosoph der Freiheit aus dem 18 Jh., sieht das höchste Freiheitsrecht im Recht auf das Leben, d. h. Freiheit wird nicht eingeschränkt, sondern Freiheit wird in ihrem Fundament garantiert. Dabei beschreibt Hegel Freiheit als Phase ohne Zwang. Dies bedeutet nicht, dass keine Notwendigkeiten oder Determiniertheit bestehen. Der Mensch kann diesen mit Vernunft und Logik begegnen, sie verstehen lernen und letztlich zu einer freien Entscheidung gelangen, indem er diese bestehen lässt oder sie aufbricht. Freiheit steht für Hegel nicht als Gegenentwurf zu den Beschränkungen der weltlichen Möglichkeiten, vielmehr verwirklicht sich Freiheit innerhalb dieser Gegebenheiten.

Karl Rahner sieht den Menschen als ein Wesen, dass radikal auf Gott hin bezogen ist. Der biblische Schöpfungsakt macht diese Gottverwiesenheit und Gottbezogenheit deutlich, indem Gott den Menschen als Ebenbild und Partner*in bestimmt. Weil Partner*in auf Gott hin (und nicht nur von Ihm herkommend) ist der Mensch eine eigenverantwortbare und unauswechselbare Kreatur. Der Mensch ist folglich von Gott als Ebenbild und Partner*in zur Freiheit gerufen. Das Recht auf Freiheit des Menschen liegt in der substantiellen und dynamischen Gottrelation begründet, die sich aus der absolut freien und gnadenhaften Selbstmitteilung Gottes an den Menschen ergibt.[3]

Für die OKJ bedeutet dies in der Zusammenarbeit mit jungen Menschen: «Die Bewertung seiner (Heranwachsende*r) Leistungen darf die Anerkennung seiner Person nicht beeinträchtigen. Der Heranwachsende ist vielmehr auf seine Zukunft hin anzusprechen. Er hat das Recht, so zu sein, wie er geworden ist; er hat aber zugleich ein Recht darauf, zu werden, was er seiner Bestimmung gemäss sein könnte[4]

 

[1] Als Beispiel siehe «Was ist der Mensch? Sieben anthropologische Konstanten als Koordinatensystem des Menschen (Edward Schillebeeckx)». In: Loiero, Notwendigkeit 132-138.

[2] Vgl. Lexikon der Religionspädagogik, Mensch, Menschenbild S. 1314 -1320, Norbert Mette u. Folkert Rickers (Hrsg.), Neukirchener 2001.

[3] Vgl. Loiero, Notwendigkeit 65f.

[4] Lexikon der Religionspädagogik, Mensch, Menschenbild S. 1319, Norbert Mette u. Folkert Rickers (Hrsg.), Neukirchener 2001.

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3.2      Entwicklungspsychologie

Die Lebensphase Jugend stellt für jeden Menschen eine sowohl prägende als auch herausfordernde Zeit dar. In der Auseinandersetzung mit und Bewältigung von bestimmten Entwicklungsaufgaben[1] entwirft der junge Mensch u.a. sein eigenes Werte- und Normensystem, ein ethisches und politisches Bewusstsein, gewinnt an Unabhängigkeit von Erwachsenen und entwickelt seine körperliche und geschlechtliche Identität. Die Identitätsarbeit junger Menschen[2] als essentielle Aufgabe der Lebensphase Jugend wirkt sich weiter auf das moralische Urteilen[3] und die religiöse Identität aus.

Hinsichtlich der Bildung religiöser Identität von Kindern bzw. jungen Menschen haben Oser/Gmünder und James W. Fowler[4] grundlegende Forschungsarbeit geleistet, die die «religiöse Entwicklung» (Oser/Gmünder, 1984) von Menschen stufentheoretisch versucht zu skizzieren. Die Modelle helfen religiöse Entwicklungsprozesse gerade bei jungen Menschen nachzuvollziehen und die Arbeit mit jungen Menschen entsprechend zu gestalten. Neuere wissenschaftliche Arbeiten versuchen weniger von einer religiösen Entwicklung auszugehen, die Stufen durchläuft. Heinz Streib beispielsweise spricht von «religiösen Stilen»[5] und versucht dabei die religiöse Einstellung junger Menschen ganzheitlich zu betrachten und in den gesamten Lebenszusammenhang einzubetten.

Das Konzept der Entwicklungsaufgaben und die verschiedenen entwicklungspsychologischen Modelle helfen jugendspezifische Verhaltensweisen einzuordnen und zu verstehen. Dabei ist es wichtig, dass sich junge Menschen stets als Subjekte ihres eigenen Lebens erfahren können.

 

[1] Vgl. dazu Hurrelmann, Klaus; Quenzel Gudrun: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Weinheim: Beltz Juventa, 2016.

[2] Vgl. dazu die «Entwicklungsphasen der Identität» nach Erik H. Erikson (1973)

[3] Vgl. dazu die «Stufen des moralischen Urteilens» nach Lawrence Kohlberg (1971)

[4] «Theorie der Glaubensentwicklung» (1981, 2000)

[5] Vgl. dazu «Faith Development Theory Revisited. The Religious Styles Perspective» (2001)

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3.3     Soziale Arbeit

Soziale Arbeit ist eine wissenschaftliche Disziplin und eine praxisorientierte Profession, die sich den Prinzipien der Gerechtigkeit, der Menschenrechte, der gemeinsamen Verantwortung und der Achtung der Vielfalt widmet. Es geht dabei um Menschen und Strukturen, um die Bewältigung der existenziellen Herausforderungen sowie die Verbesserung des Wohlergehens. Für die OKJ ist sie daher eine zentrale Bezugswissenschaft und eine integrale Profession. Die Soziale Arbeit verhilft der OKJ die Strukturen und Gegebenheiten, in denen junge Menschen aufwachsen und ihre Entwicklungsaufgaben zu erfüllen haben, zu erkennen und zu verstehen. Die dabei auftretenden Entwicklungsprobleme und Problemverhalten können dank der Sozialen Arbeit eingeordnet und durch adäquate Unterstützung bearbeitet werden. Ebenso zeigt die Soziale Arbeit die Grenzen der OKJ auf und weist entlastend auf die professionelle Hilfe der Sozialen Arbeit hin.

Die Erkenntnisse und das Know-How der Soziokulturellen Animation und der Sozialpädagogik als Teilgebiete der Sozialen Arbeit sind für die OKJ fundamental für ihre Arbeit. Sie ermöglichen der OKJ einen Zugang zu jungen Menschen, der auf Erfahrungswissen und Wissenschaft basiert.

Exkurs: Jugend als eigenständige Lebensphase

Die Jugendsoziologie macht deutlich, dass die Jugendphase weder eine Verlängerung der Kindheitsphase noch eine Durchgangsphase zum Erwachsenenalter ist. Die Jugendphase beinhaltet die Bewältigung der zunehmend selbst zu tragenden und selbst zu gestaltenden Rollenübernahme in der Schul- oder Berufsausbildung, beim Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungsstrukturen und Sozialkontakte, in der Teilhabe an Freizeit und Konsum sowie im Bereich der öffentlichen und politischen Partizipation. (Hurrelmann)

Der sozialpädagogische Zugang stellt die Frage nach der Bewältigung dieser Rollenübernahme und den Bewältigungskonflikten, die bei Jugendlichen auftreten. Die sozialpädagogische Frage richtet sich also auf die situative und biografische Handlungsmöglichkeit. Sie lässt folglich die Lebens- und Alltagswelten Jugendlicher in den Vordergrund treten und zeigt dabei auf, dass sich die Jugendphase für einzelne Jugendliche biografisch und sozial ganz unterschiedlich darstellt.[1]

Die Soziokulturelle Animation macht darauf aufmerksam, dass der Mensch nicht einfach so ist wie er erscheint, sondern sich immer auch abhängig von seinem Umfeld verhält. Die Soziokulturelle Animation versteht sich daher in der Zwischenposition von System und Lebenswelt (Habermas – Theorie des kommunikativen Handelns). In der Zwischenposition nimmt sie die Bedürfnisse und Ansprüche der Lebenswelt auf und vermittelt gegenüber dem System. Im gelingenden Falle finden Anpassungen im System statt, welches in der Lebenswelt der einzelnen oder Gruppen eine Verbesserung ihrer Situation auslöst.[2]

Für die OKJ zeigt dieses exemplarische Beispiel auf, dass Jugendarbeit eine zentrale Arbeit ist, welche den (jungen) Mensch in einer prägenden Lebensphase unterstützend zu begleiten hat. Das Beispiel sensibilisiert gleichzeitig gegenüber dem individuellem Erleben und Bewältigungsprofil in dieser Lebensphase. Es zeigt auf, dass nicht nur mit dem Individuum bzw. der Gruppe gearbeitet werden soll, sondern stets das System involviert werden muss. Ansonsten besteht die Gefahr, dass das System die Lebenswelt (das Individuum bzw. die Gruppe) kolonialisiert[3].

 

[1] Vgl. für die Ausführungen bis hierher: Sozialpädagogik der Lebensalter, Der sozialpädagogische Zugang zur Jugend, S. 135f

[2] Vgl. Soziokulturelle Animation, Bernhard Wandeler (Hrsg.), Interact, Luzern 2010: Annette Hug, Eine Praxis der alltäglichen Demokratie (Zwischenposition), S. 210 sowie Gabi Hangartner Ein Handlungsmodell für die Soziokulturelle Animation zur Orientierung für die Arbeit in der Zwischenposition, 265 -322

[3] ebd. S. 277

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3.4     Religionssoziologie

Die Religionssoziologie als Spezialgebiet der Soziologie und der Religionswissenschaft befasst sich mit den sozialen Voraussetzungen von Religion, den sozialen Formen und dem Einfluss von Religion auf die Gesellschaft sowie der Veränderungen der Gesellschaft auf die Religion. Die letzte grosse Erhebung in der Schweiz war der NFP 58[1] im Jahr 2009. Die daraus resultierenden Erkenntnisse zeigen die Auswirkungen der veränderten Gesellschaft und dem damit zusammenhängenden Verhältnis zur Religion deutlich auf.

Die Zunahme von sogenannten «Distanzierten» und «Säkularen» machen deutlich, dass die jungen Menschen immer weniger mit gestalteter, öffentlich und kulturell sichtbarer Religion bzw. Glaubenspraxis in Kontakt kommen. Die Sozialisation in Religion und Glaube findet kaum mehr statt und erschwert dadurch die Entwicklung eigener Glaubensvorstellungen und -überzeugungen bei jungen Menschen. Vermehrt sind sie mit negativen Haltungen zu Glauben und Religion oder durch extreme Ansichten in Bezug auf Glaubensinhalte und -praxen konfrontiert. Hinzukommt die Vielfalt an Religionen in der Gesellschaft, die durch die Einwanderung von Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen entstand. Junge Menschen haben heute nicht nur die Aufgabe, ein eigenes Verständnis und eine eigene Haltung gegenüber der Religion, die sie über die Familie erhalten haben, zu entwickeln. Sie müssen auch eine Haltung und Position in der religiös pluralen Gesellschaft finden.

Lebenswelt – Lebenslage adaptiert zu Glaubenswelt – Glaubenslage

Mit Lebenswelt[2] wird in der Sozialarbeitswissenschaft die individuelle Wirklichkeitskonstruktion, d. h. die subjektive Sicht des Menschen auf seine Lebenslage bezeichnet. Die Lebenslage umfasst die Lebensbedingungen eines Menschen. Sie bildet somit die Rahmenbedingungen für die Lebenswelt eines Menschen. Wenn auch die Lebenslage teilweise (nie abschliessend) objektiv erfasst werden kann, so ergeben diese Kenntnisse noch keine gesicherten Informationen über die Lebenswelt eines Menschen. Denn jeder Mensch reagiert bzw. empfindet wiederum anders, selbst wenn die Lebensbedingung dieselbe ist.

Adaptiert man die Begriffe Lebenswelt und Lebenslage nun auf Glauben (im religiösen Kontext), eröffnen sich dadurch Fragen und Haltungen sowie Handlungsansätze, die für die OKJ von zentraler Bedeutung sind. Folgend können diese nur ansatzweise angezeigt werden.

Glaubenslage: Die Wirklichkeit junger Menschen zeigt auf, dass sie immer weniger mit religiösen Vorstellungen, Praktiken und Erleben von religiöser Ausgestaltung konfrontiert sind. Daraus stellt sich die Frage: Wie sollen junge Menschen eine eigene Glaubenswelt entwickeln (konstruieren), wenn ihnen das «Grundmaterial» fehlt? Die OKJ muss daher Erlebnisräume schaffen, in denen junge Menschen eine Glaubenslage vorfinden können, auf die sie reagieren und aus der sie ihre Glaubenswelt konstruieren können. Beispielsweise könnte dies bedeuten, öffentliche Räume für den interreligiösen Dialog und Zusammenarbeit unter jungen Menschen zu Verfügung zu stellen.

Glaubenswelt: Die individuelle Wirklichkeitskonstruktion umfasst auch die Glaubenswelt. Sie kann nur subjektiv sein, wenn sie für den jungen Menschen relevant sein soll. Glaubensvorstellungen und -überzeugungen setzen somit subjektive Prozesse voraus, bedürfen aber gleichzeitig einer intersubjektiven Auseinandersetzung, damit der Glaube eine tragende Wirklichkeit im Leben des Menschen werden kann. Daraus stellt sich die Frage: wie kann die OKJ die religiöse Identitätsarbeit junger Menschen unterstützen? Die Orientierung an der Glaubenswelt der jungen Menschen darf dabei nicht dazu führen, diese tatsächlich erfassen zu wollen. Vielmehr gilt es grundsätzlich der Subjektivität der Glaubenswelt des jungen Menschen Rechnung zu tragen. Dazu benötigt es Resonanzräume, welche eine intersubjektive Auseinandersetzung ermöglichen und authentische Aussagen möglich werden.

 

[1] Siehe http://www.snf.ch/de/fokusForschung/nationale-forschungsprogramme/nfp58-religionsgemeinsschaften-staat-gesellschaft/Seiten/default.aspx#Weitere%20Informationen

[2] Vgl. Kraus, Björn (2006): Lebenswelt und Lebensweltorientierung – eine begriffliche Revision als Angebot an eine systemisch-konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft. Kontext. Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie. Göttingen: Vandenhoek & Rupprecht. Bd. 37, Heft 02/06, S. 116-129. 2004 erschienen auf www.sozialarbeitswissenschaften.de

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3.5      Bibel

Die Bibel zeichnet ein vielfältiges, aber dennoch deutliches Bild des Menschen. In der Ebenbildlichkeit Gottes (vgl. Gen 1,27) kommt die unwiderrufliche Würde jedes Menschen zum Ausdruck, welche in der Geschichte von Gott mit den Menschen fundamental ist. Die Exodusgeschichte bzw. -erfahrung des Volkes Israels macht zusätzlich deutlich, dass Gott den Menschen in Freiheit sieht, worauf sich Gott im ewigen Bund mit den Menschen als Hirte an die Seite aller Menschen stellt, damit es ihnen an nichts fehlt (vgl. Ps 23,1).

Paulus würdigt die unterschiedlichen Gaben und Charismen der Menschen, die alle durch den Geist bewirkt sind (vgl. 1 Kor 12,4-11). Nicht nur betont er die Vielfalt an Gaben und Charismen; Paulus streicht die Notwenigkeit aller Glieder heraus, die den einzigen Leib bilden (vgl. 1 Kor 12,12). «Der Kopf kann nicht zu den Füssen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich.» (1 Kor 12,22). Es ist dies eine radikale Fassung eines Kooperationsmodells, in welchem Paulus ressourcenorientiert denkt: alle haben Gaben und Charismen, dadurch soll sich niemand ausgeschlossen fühlen. Gerade die Schwächeren und Ausgegrenzten gehören dazu, was nochmals in der Taufüberzeugung im Galaterbrief verdichtet wird:

«Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‹einer› in Christus Jesus.» (Gal 3,27f.)

In den Pastoralbriefen richtet sich der Blick speziell auch auf junge Menschen. In 2 Tim 2,22 wird in der Angst vor Irrlehren und der Gefahr, ihnen verfallen zu können, die Jugend eindringlich gemahnt: «Flieh vor den Begierden der Jugend [...].» Dem liegt ein Modell der Jugend zu Grunde, welches defizitär war und in der Tradition des Aristoteles lag. Nach ihm hatte der junge Mensch gegenüber einer erwachsenen Person noch nicht das rechte Mass erlangt. Gleichzeitig schreibt Paulus in seinem ersten Brief an Timotheus im Kontext der Leitung von Gemeinden, dass ihn niemand aufgrund seiner Jugend geringschätzen und er selber zum Vorbild der Glaubenden werden soll (vgl. 1 Tim 4,12). Insofern wird der Jugend einiges zugetraut, sogar die Leitung einer Gemeinde.

 

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3.6     Konzept der Mystagogie

Für die Kirchliche Jugendarbeit ist das Konzept der Mystagogie[1] fundamental im Umgang mit jungen Menschen in Bezug auf Verkündigung und religiöse Gestaltungsformen. Das Konzept der Mystagogie basiert auf Karl Rahners Theologische Anthropologie. Die von Gott im Schöpfungsakt konstituierte Ebenbildlichkeit des Menschen verweist auf die a priori existentiale Gottesbezogenheit und existentielle Gottesbeziehung, auch wenn diese sich beim konkreten Mensch erst in der Biographie durch das «Sich-Nahen» von Gott und Mensch konkret realisieren muss. Der von Rahner geprägte Begriff des «übernatürlichen Existentials» des Menschen bildet dabei den Ankerpunkt des Konzepts der Mystagogie. «Die Bewusstwerdung seines apriorisch theozentrischen Existentials ist dem Menschen aufgrund der transzendenten Offenheit seines Geistes möglich und ereignet sich apriorisch durch Gottesoffenbarung in menschlicher Geschichte.»[2]

Aufbauend auf dem «übernatürlichen Existential» des Menschen hat sich der sogenannte mystagogische Ansatz in der kirchlichen Jugendarbeit entwickelt, der handlungsorientierend für kirchliche Jugendarbeiter*innen ist. Kirchliche Jugendarbeitende brauchen nicht Gott (z. B. in Form von dogmatischen Glaubenswahrheiten) zu den jungen Menschen bringen, sondern unterstützen das Sich-Nahen von Gott und dem jungen Menschen. Die existentielle Gottesbeziehung macht dabei den jungen Menschen nicht zum Schuldner, denn Gott ist der “semper major“, d. h. dieses gegenseitige Nahen ist ein «von Gott ermöglichtes Sich-Nähern» (Siebenrock, Gott 3).

Den jungen Menschen als Wesen zu begreifen, der schon a priori eine Geschichte mit Gott hat, führt zu behutsamen und subjektorientierten Deutungsangeboten für seine Lebens- und Glaubensgeschichte. Gleichzeitig macht der mystagogische Ansatz den kirchlichen Jugendarbeitenden deutlich, dass die Begegnung mit einem jungen Menschen immer auch eine Begegnung mit Gott ist, aus der sie selbst Gott (neu) entdecken können.

 

[1] Vgl. dazu Berufsbild, Klarsicht sowie Magna Charta. Für die folgenden Ausführungen vgl. zudem Loiero, Notwendigkeit 64-68.

[2] Loiero, Notwendigkeit 67.

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3.7      Theologie

«Junge Menschen [sind daher] einer jener ‹theologischen Orte›, an denen uns der Herr manche seiner Erwartungen und Herausforderungen für die Gestaltung der Zukunft erkennen lässt» (AD 64).

Mit der Bezeichnung junger Menschen als locus theologicus im Abschlussdokument der Jugendsynode 2018 streichen die Synodenteilnehmer mit großer theologischer Wucht die Bedeutung junger Menschen für die Kirche und das Erkennen der Zeichen der Zeit heraus. Waren mit den loci theologici üblicherweise etwa die Heilige Schrift, die Tradition oder das Lehramt gemeint, treten nun junge Menschen für die Kirche und die Gesellschaft als lebendige Orte hinzu, in und an denen der authentische Glaube bezeugt wird.

Der Vorstellung von jungen Menschen als «einer jener ‹theologischen Orte›» steht die Überzeugung des Zweiten Vatikanischen Konzils zugrunde, dass «die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), im Glauben nicht irren [kann]» (LG 12). Der Glaubenssinn der Gläubigen («Sensus fidelium») als eine Bezeugungsinstanz stellt für die katholischen Kirche eine bedeutende Quelle des Glaubens dar, die je mit der Theologie und dem Lehramt in einer wechselseitigen und sich gegenseitig befruchtenden Beziehung steht.

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3.8      Christus Vivit

Im dritten Kapitel «Ihr seid das Jetzt Gottes» (vgl. CV 64-110) schreibt Papst Franziskus, dass junge Menschen keine Kinder mehr sind, sondern sich in einem Lebensabschnitt befinden, im dem sie anfangen, verschiedentlich Verantwortung zu übernehmen und mit Erwachsenen an den Entwicklungen von Familie, Gesellschaft und Kirche mitwirken. Dabei verweist er auf die Haltung Jesu, bereitwillig und wirklich zuzuhören, anstatt vorgefertigte Antworten und Patentrezepte zur Stelle zu haben. Junge Menschen haben neuartige Fragen und in manch Provokationen liegen neue Wege und Möglichkeiten für die gesamte Kirche und Gesellschaft. In ihrer Vielfalt sind junge Menschen nicht auf «die Jugend» zu reduzieren, sondern stets aufgrund ihrer Kontexte und Kulturen zu betrachten. Dabei gilt es, Jugendlichkeit nicht einfach zu idealisieren und die Vereinnahmung dieser durch die Erwachsenenwelt kritisch zu hinterfragen. «Das Schönheitsideal ist jung, aber seien wir vorsichtig, denn das ist kein Lob für junge Menschen.» (CV 79) Der Fragilität in diesem Lebensabschnitt muss ebenso grosse Aufmerksamkeit geschenkt werden und den Ursprüngen von Leid und Schmerz auf den Grund gegangen werden, um sie zu überwinden. Der Missbrauch in verschiedenen Formen betrifft insbesondere junge Menschen, die in ihrer Entwicklungsphase neugierig, extrem, polarisierend usw. sein können und dadurch auch anfällig für Indoktrination, Manipulation, Instrumentalisierung und Abhängigkeiten sind.

Das dritte Kapitel von Christus vivit fordert einen differenzierten Blick auf junge Menschen, der weder idealisiert noch die Gefahren und Realitäten von Schmerz und Leid bagatellisiert. Die Herausforderung in der Arbeit mit jungen Menschen ist das richtige Mass zwischen «keine Kinder mehr» und «noch keine gefestigten Erwachsenen» zu finden. Wenn Papst Franziskus zur Freundschaft mit Jesus Christus einlädt (vgl. CV 150-157), dann zeichnet er eine beständige, feste und treue Beziehung, die den Menschen reifen lässt. Diese unverbrüchliche Freundschaft geht in die freud- und leidvollen Lebensbereiche mit dem jungen Mensch und zeichnet sich durch Ehrlichkeit und Zutrauen aus.

 

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