3.4     Religionssoziologie

Die Religionssoziologie als Spezialgebiet der Soziologie und der Religionswissenschaft befasst sich mit den sozialen Voraussetzungen von Religion, den sozialen Formen und dem Einfluss von Religion auf die Gesellschaft sowie der Veränderungen der Gesellschaft auf die Religion. Die letzte grosse Erhebung in der Schweiz war der NFP 58[1] im Jahr 2009. Die daraus resultierenden Erkenntnisse zeigen die Auswirkungen der veränderten Gesellschaft und dem damit zusammenhängenden Verhältnis zur Religion deutlich auf.

Die Zunahme von sogenannten «Distanzierten» und «Säkularen» machen deutlich, dass die jungen Menschen immer weniger mit gestalteter, öffentlich und kulturell sichtbarer Religion bzw. Glaubenspraxis in Kontakt kommen. Die Sozialisation in Religion und Glaube findet kaum mehr statt und erschwert dadurch die Entwicklung eigener Glaubensvorstellungen und -überzeugungen bei jungen Menschen. Vermehrt sind sie mit negativen Haltungen zu Glauben und Religion oder durch extreme Ansichten in Bezug auf Glaubensinhalte und -praxen konfrontiert. Hinzukommt die Vielfalt an Religionen in der Gesellschaft, die durch die Einwanderung von Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen entstand. Junge Menschen haben heute nicht nur die Aufgabe, ein eigenes Verständnis und eine eigene Haltung gegenüber der Religion, die sie über die Familie erhalten haben, zu entwickeln. Sie müssen auch eine Haltung und Position in der religiös pluralen Gesellschaft finden.

Lebenswelt – Lebenslage adaptiert zu Glaubenswelt – Glaubenslage

Mit Lebenswelt[2] wird in der Sozialarbeitswissenschaft die individuelle Wirklichkeitskonstruktion, d. h. die subjektive Sicht des Menschen auf seine Lebenslage bezeichnet. Die Lebenslage umfasst die Lebensbedingungen eines Menschen. Sie bildet somit die Rahmenbedingungen für die Lebenswelt eines Menschen. Wenn auch die Lebenslage teilweise (nie abschliessend) objektiv erfasst werden kann, so ergeben diese Kenntnisse noch keine gesicherten Informationen über die Lebenswelt eines Menschen. Denn jeder Mensch reagiert bzw. empfindet wiederum anders, selbst wenn die Lebensbedingung dieselbe ist.

Adaptiert man die Begriffe Lebenswelt und Lebenslage nun auf Glauben (im religiösen Kontext), eröffnen sich dadurch Fragen und Haltungen sowie Handlungsansätze, die für die OKJ von zentraler Bedeutung sind. Folgend können diese nur ansatzweise angezeigt werden.

Glaubenslage: Die Wirklichkeit junger Menschen zeigt auf, dass sie immer weniger mit religiösen Vorstellungen, Praktiken und Erleben von religiöser Ausgestaltung konfrontiert sind. Daraus stellt sich die Frage: Wie sollen junge Menschen eine eigene Glaubenswelt entwickeln (konstruieren), wenn ihnen das «Grundmaterial» fehlt? Die OKJ muss daher Erlebnisräume schaffen, in denen junge Menschen eine Glaubenslage vorfinden können, auf die sie reagieren und aus der sie ihre Glaubenswelt konstruieren können. Beispielsweise könnte dies bedeuten, öffentliche Räume für den interreligiösen Dialog und Zusammenarbeit unter jungen Menschen zu Verfügung zu stellen.

Glaubenswelt: Die individuelle Wirklichkeitskonstruktion umfasst auch die Glaubenswelt. Sie kann nur subjektiv sein, wenn sie für den jungen Menschen relevant sein soll. Glaubensvorstellungen und -überzeugungen setzen somit subjektive Prozesse voraus, bedürfen aber gleichzeitig einer intersubjektiven Auseinandersetzung, damit der Glaube eine tragende Wirklichkeit im Leben des Menschen werden kann. Daraus stellt sich die Frage: wie kann die OKJ die religiöse Identitätsarbeit junger Menschen unterstützen? Die Orientierung an der Glaubenswelt der jungen Menschen darf dabei nicht dazu führen, diese tatsächlich erfassen zu wollen. Vielmehr gilt es grundsätzlich der Subjektivität der Glaubenswelt des jungen Menschen Rechnung zu tragen. Dazu benötigt es Resonanzräume, welche eine intersubjektive Auseinandersetzung ermöglichen und authentische Aussagen möglich werden.

 

[1] Siehe http://www.snf.ch/de/fokusForschung/nationale-forschungsprogramme/nfp58-religionsgemeinsschaften-staat-gesellschaft/Seiten/default.aspx#Weitere%20Informationen

[2] Vgl. Kraus, Björn (2006): Lebenswelt und Lebensweltorientierung – eine begriffliche Revision als Angebot an eine systemisch-konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft. Kontext. Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie. Göttingen: Vandenhoek & Rupprecht. Bd. 37, Heft 02/06, S. 116-129. 2004 erschienen auf www.sozialarbeitswissenschaften.de