3.6     Konzept der Mystagogie

Für die Kirchliche Jugendarbeit ist das Konzept der Mystagogie[1] fundamental im Umgang mit jungen Menschen in Bezug auf Verkündigung und religiöse Gestaltungsformen. Das Konzept der Mystagogie basiert auf Karl Rahners Theologische Anthropologie. Die von Gott im Schöpfungsakt konstituierte Ebenbildlichkeit des Menschen verweist auf die a priori existentiale Gottesbezogenheit und existentielle Gottesbeziehung, auch wenn diese sich beim konkreten Mensch erst in der Biographie durch das «Sich-Nahen» von Gott und Mensch konkret realisieren muss. Der von Rahner geprägte Begriff des «übernatürlichen Existentials» des Menschen bildet dabei den Ankerpunkt des Konzepts der Mystagogie. «Die Bewusstwerdung seines apriorisch theozentrischen Existentials ist dem Menschen aufgrund der transzendenten Offenheit seines Geistes möglich und ereignet sich apriorisch durch Gottesoffenbarung in menschlicher Geschichte.»[2]

Aufbauend auf dem «übernatürlichen Existential» des Menschen hat sich der sogenannte mystagogische Ansatz in der kirchlichen Jugendarbeit entwickelt, der handlungsorientierend für kirchliche Jugendarbeiter*innen ist. Kirchliche Jugendarbeitende brauchen nicht Gott (z. B. in Form von dogmatischen Glaubenswahrheiten) zu den jungen Menschen bringen, sondern unterstützen das Sich-Nahen von Gott und dem jungen Menschen. Die existentielle Gottesbeziehung macht dabei den jungen Menschen nicht zum Schuldner, denn Gott ist der “semper major“, d. h. dieses gegenseitige Nahen ist ein «von Gott ermöglichtes Sich-Nähern» (Siebenrock, Gott 3).

Den jungen Menschen als Wesen zu begreifen, der schon a priori eine Geschichte mit Gott hat, führt zu behutsamen und subjektorientierten Deutungsangeboten für seine Lebens- und Glaubensgeschichte. Gleichzeitig macht der mystagogische Ansatz den kirchlichen Jugendarbeitenden deutlich, dass die Begegnung mit einem jungen Menschen immer auch eine Begegnung mit Gott ist, aus der sie selbst Gott (neu) entdecken können.

 

[1] Vgl. dazu Berufsbild, Klarsicht sowie Magna Charta. Für die folgenden Ausführungen vgl. zudem Loiero, Notwendigkeit 64-68.

[2] Loiero, Notwendigkeit 67.