3.1     Anthropologie

Die Anthropologie, welche als Oberbegriff für die verschiedenen Einzel- und Humanwissenschaften verwendet wird, befasst sich mit der Grundfrage: Was ist der Mensch? Sie weist letztlich auf die Komplexität des Menschseins hin, welche eine abschliessende Antwort als unzulässig erkennen lässt.

In der Arbeit mit jungen Menschen wird immer mit einer impliziten Anthropologie gearbeitet. Diese gilt es fortwährend zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Für die OKJ ist dabei eine Anthropologie zentral, die ein ganzheitliches Bild des Menschen skizziert[1]. Der Mensch in seiner Leib-Seele-Geist Ganzheit gilt es als Subjekt wahrzunehmen. Die Leiblichkeit erstreckt sich dabei über alle Sinne des Körpers und der damit zusammenhängenden psychosomatischen Wirklichkeit. Die seelisch-geistliche Dimension ist dabei ein gleichwertiger Teilbereich des Menschensein und steht in unmittelbarer Verbindung zum Leib.[2]

Exkurs: eine anthropologische Fragestellung

Besitzt der Mensch Freiheit?

Neurobiologische Erkenntnisse deuten immer wieder darauf hin, dass der Mensch durch neurologische Prozesse bestimmt ist und daher der freie Wille im naturwissenschaftlichen Weltbild keinen Platz hat. Die biologische Anthropologie beschränkt sich somit auf die biologischen Vorgänge des Menschen und schliesst daraus ihre Erkenntnisse.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der Philosoph der Freiheit aus dem 18 Jh., sieht das höchste Freiheitsrecht im Recht auf das Leben, d. h. Freiheit wird nicht eingeschränkt, sondern Freiheit wird in ihrem Fundament garantiert. Dabei beschreibt Hegel Freiheit als Phase ohne Zwang. Dies bedeutet nicht, dass keine Notwendigkeiten oder Determiniertheit bestehen. Der Mensch kann diesen mit Vernunft und Logik begegnen, sie verstehen lernen und letztlich zu einer freien Entscheidung gelangen, indem er diese bestehen lässt oder sie aufbricht. Freiheit steht für Hegel nicht als Gegenentwurf zu den Beschränkungen der weltlichen Möglichkeiten, vielmehr verwirklicht sich Freiheit innerhalb dieser Gegebenheiten.

Karl Rahner sieht den Menschen als ein Wesen, dass radikal auf Gott hin bezogen ist. Der biblische Schöpfungsakt macht diese Gottverwiesenheit und Gottbezogenheit deutlich, indem Gott den Menschen als Ebenbild und Partner*in bestimmt. Weil Partner*in auf Gott hin (und nicht nur von Ihm herkommend) ist der Mensch eine eigenverantwortbare und unauswechselbare Kreatur. Der Mensch ist folglich von Gott als Ebenbild und Partner*in zur Freiheit gerufen. Das Recht auf Freiheit des Menschen liegt in der substantiellen und dynamischen Gottrelation begründet, die sich aus der absolut freien und gnadenhaften Selbstmitteilung Gottes an den Menschen ergibt.[3]

Für die OKJ bedeutet dies in der Zusammenarbeit mit jungen Menschen: «Die Bewertung seiner (Heranwachsende*r) Leistungen darf die Anerkennung seiner Person nicht beeinträchtigen. Der Heranwachsende ist vielmehr auf seine Zukunft hin anzusprechen. Er hat das Recht, so zu sein, wie er geworden ist; er hat aber zugleich ein Recht darauf, zu werden, was er seiner Bestimmung gemäss sein könnte[4]

 

[1] Als Beispiel siehe «Was ist der Mensch? Sieben anthropologische Konstanten als Koordinatensystem des Menschen (Edward Schillebeeckx)». In: Loiero, Notwendigkeit 132-138.

[2] Vgl. Lexikon der Religionspädagogik, Mensch, Menschenbild S. 1314 -1320, Norbert Mette u. Folkert Rickers (Hrsg.), Neukirchener 2001.

[3] Vgl. Loiero, Notwendigkeit 65f.

[4] Lexikon der Religionspädagogik, Mensch, Menschenbild S. 1319, Norbert Mette u. Folkert Rickers (Hrsg.), Neukirchener 2001.