4.3      Junge Menschen sind Seismographen und Protagonist*innen

«Ich will dich zu diesem Engagement ermutigen, weil ich weiß: ‹Dein Herz, junges Herz, will eine bessere Welt aufbauen. Ich verfolge die Nachrichten der Welt und sehe, dass viele Jugendliche in vielen Teilen der Welt auf die Straßen hinausgegangen sind, um ihrem Wunsch nach einer gerechteren und brüderlicheren Gesellschaft Ausdruck zu verleihen.›» (CV 174)

Die «gesunde Unruhe» (CV 138), die aus der Sensibilität der jungen Menschen entsteht, äussert sich im Wahrnehmen von «Zeichen der Zeit» im Sinne eines Seismographen und verwirklicht sich im Tun und Handeln als Protagonist*in. Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, die von vorangegangenen Generationen gestaltet und geprägt wurde. Sie finden sich folglich in einer Welt vor, in der sie sich behaupten und positionieren müssen. Dabei erkennen sie auf ihre eigene Weise die fördernden und hindernden Gegebenheiten sowie die Chancen und Gefahren, welche die vorgestaltete Welt ihnen bietet. Weder haben sie die direkten Erfahrungen, wie es «früher einmal war», noch prägen die Ängste und Erwartungen der Gesellschaft die jungen Menschen im selben Masse wie die älteren Generationen. Dafür steigt mit der Fortschreitung des Heranwachsens das Bewusstsein, diese vorgefundenen Welt zu gestalten und die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen.[1] Ebenso schreiben sie die Errungenschaften der vorangegangenen Generationen fort und konkretisieren diese in der Kirche und der Gesellschaft.[2] Hinzu kommt in der Lebensphase Jugend die entwicklungsbedingt starke Empathie, welche Ungerechtigkeit, menschliches Leiden und Verletzungen der Menschenwürde im verstärkten Masse nachempfinden lässt.[3] Dies macht junge Menschen zu Seismographen für die Gesellschaft und die Kirche. Als Teil der Gesellschaft und der Kirche sind die jungen Menschen «Frühwarnsysteme», die auf zukünftige Unruhen und nötige Umbrüche aufmerksam machen. Werden diese seismographischen Ausschläge ignoriert, wird die Mitgestaltung und die zukünftige Übernahme der Verantwortung gehindert, wenn nicht gar verunmöglicht.

OKJ nimmt junge Menschen als Seismographen ernst und schafft Möglichkeiten, ihre Wahrnehmungen in Resonanzräumen zu reflektieren, damit junge Menschen ihre Sichtweisen mit anderen teilen und bearbeiten zu können. OKJ anerkennt diese «seismografische Funktion» der jungen Menschen, indem sie der «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst» (GS 1) der jungen Menschen zuhört und sie weiterträgt, anstatt sie zu beruhigen/vertrösten. Sie sieht darin die erneuernde Kraft durch die jungen Herzen, die sich vom Vorgefundenen berühren lassen und ihrer Betroffenheit Ausdruck verleihen. OKJ sieht sich dazu verpflichtet, der Gesellschaft und der Kirche die seismographische Funktion der jungen Menschen zuzumuten, um gemeinsam nach zukunftstragenden Lösungen suchen zu können.

OKJ sieht junge Menschen als wichtige Protagonist*innen und Multiplikator*innen

Im Kontext der Forderung der Jugendsynode, junge Menschen als Protagonist*innen zu fördern, ergibt sich auch die Sichtweise, junge Menschen als Multiplikator*innen zu betrachten. Sie geben auf ihre Art weiter, was sie erlebt und erfahren bzw. gemeinsam erarbeitet haben. OKJ stellt dafür bedarfsgerechte Möglichkeiten zur Verfügung und unterstützt sie in der Befähigung, selbst für ihre Interessen und Anliegen einzustehen und aktiv zu werden. Dadurch können junge Menschen im Freundeskreis sowie bei Anderen in altersgerechter bzw. authentischer Weise vervielfältigend und verstärkend wirken. Voraussetzung dafür sind das Interesse bzw. die Betroffenheit der jungen Menschen sowie diese in qualitativen Settings vertiefen zu können. Junge Menschen dürfen nie als Überbringer*innen von Inhalten dienen, denen sie nicht zustimmen oder wenig Bezug haben. Ein*e Multiplikator*in weist darum immer eine persönliche Motivation und inhaltliches Interesse auf. Der Wunsch, es an andere weiterzugeben, wächst in jungen Menschen, wenn sie das Thema für wichtig erachten und sich inhaltlich kompetent fühlen.

Daraus ergibt sich der Anspruch an die Qualität der Arbeit der OKJ. Sie leitet sich auch aus der Überzeugung ab, dass junge Menschen die Erfahrungen, erworbenen Kompetenzen und die «Anverwandlung von Welt», welche sie in der Lebensphase Jugend gemacht haben, ein Leben lang wieder- und weitergeben.

 

[1] Als Beispiel kann hier die Klimajugend beigezogen werden, welche die Dringlichkeit der ökologischen Veränderung viel höher bewertet, als ältere Generationen.

[2] Dies zeigt sich in der Forderung nach der Realisierung von Gleichberechtigung der Geschlechter, der Inakzeptanz von Diskriminierung aufgrund von Herkunft, sexueller Orientierung oder der selbstbestimmten Geschlechteridentität.

[3] Vgl. Crone, Eveline: Das pubertierende Gehirn. Wie Kinder erwachsen werden. München: Droemer, 2011.