8.5      Anwaltschaftlichkeit

Erfahrungen und Beobachtungen in der Arbeit mit jungen Menschen zeigen immer wieder auf, dass im Umgang junger Menschen mit erwachsenen Personen ein Machtgefälle besteht. Auch wenn niemand der Gesprächs-, Dialog- oder Diskussionsparteien bewusst eine «Hierarchie» intendiert, so fühlen sich junge Menschen gegenüber erwachsenen Personen aufgrund des Alters, der Lebenserfahrungen und der Stellung in der Gesellschaft der Erwachsenen oft in einer untergeordneten Rolle.

Gerade darum müssen sich kirchliche Jugendarbeiter*innen im Dialog mit Erwachsenen immer auch als Anwält*innen der jungen Menschen verstehen und die Rolle der Anwaltschaftlichkeit in Settings, wo es dies erfordert, bewusst ausüben. Sie können beispielsweise  in Prozesse ohne Beteiligung junger Menschen gegenüber den anderen Parteien als Vertreter*innen der jungen Menschen auftreten oder für Räume einzustehen, in denen junge Menschen autonom agieren und wirken können. Dies erfordert von den kirchlichen Jugendarbeiter*innen ein in Erlebnis- und/oder Resonanzräumen regelmässiges Zu- und Anhören junger Menschen auf Augenhöhe[1], eine gut funktionierende Beziehungsarbeit und -pflege[2] und ein synodales Verständnis von offener kirchlicher Jugendarbeit.[3]

Wenn die Jugendsynode 2018 im Abschlussdokument junge Menschen als locus theologicus bezeichnet hat, so gilt es für kirchliche Jugendarbeiter*innen in der Rolle als Anwält*innen junger Menschen im Kontext von Kirche und Pastoral diesen Aspekt besonders zu berücksichtigen.[4] In der Arbeit mit jungen Menschen sollen ihre religiösen, theologischen und ethischen Fragen, Anliegen und Bedürfnisse erkannt und in möglichen Projekten gemeinsam bearbeitet und reflektiert werden. Ebenfalls sollen bzw. dürfen die konkreten Glaubensvorstellungen junger Menschen Gegenstand der Arbeit mit jungen Menschen sein.

Als Anwält*innen sind kirchliche Jugendarbeiter*innen stets bemüht, die Hoffnungen und Freuden, von der sich junge Menschen getragen fühlen und wissen, in kirchlichen Prozessen, Gremien, Behörden etc. einfliessen zu lassen.

 

[1] Siehe dazu Kapitel 4.4 «Begegnung auf Augenhöhe»

[2] Siehe dazu Kapitel 5.1 «Beziehung und Animation»

[3] Siehe dazu Kapitel 4.5 «Synodale Jugendpastoral»

[4] Siehe dazu Kapitel 3.7 «Theologie»