1. Offene kirchliche Jugendarbeit der katholischen Kirche der Deutschschweiz

 

1.1      Historische Herleitung

Offene kirchliche Jugendarbeit als bewusstes Arbeiten mit jungen Menschen im kirchlichen Kontext ist nicht erst im 21. Jahrhundert entstanden. In den 1970er Jahren entwickelte sich durch Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils und den Auswirkungen der 1968er-Bewegung die ausserverbandliche kirchliche Jugendarbeit in Pfarreien.[1] Offene kirchliche Jugendarbeit war von Beginn an ein interdisziplinäres Vorhaben von Jugendarbeitenden mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen. Nebst den kirchlichen Jugendarbeitenden, die aus der verbandlichen kirchlichen Jugendarbeit hervorgingen, waren Fachpersonen aus der «Erziehungswissenschaften bzw. der Pädagogik, der Psychologie, der Sozioologie und später auch der Soziokulturellen Animation»[2] an der Gestaltung der ausserverbandlichen Jugendarbeit der kath. Kirche beteiligt. Die kath. Jugendverbände waren noch stark dem kath. Milieu zugewandt und die gesellschaftlichen Veränderungen stellte die Frage nach einer Jugendarbeit, die sich auch (!) Jugendlichen ausserhalb der (kath.) Jugendverbände zuwendet. Gemeinsames Ziel war zudem, die Jugendarbeit zu professionalisieren und entsprechende Ausbildungen zu schaffen.

In den folgenden Jahrzehnten entstand ein Bewusstsein der Politik, Kinder und Jugendliche gezielt in den Blick zu nehmen und die Partizipation und Förderung voranzutreiben. Ausbildungsstätten für die Jugendarbeit wurden geschaffen und mit der Gründung des Dachverbandes Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (DOJ) im Jahr 2002 erhielt die Offene Kinder- und Jugendarbeit auf nationaler Ebene eine Struktur, welche die nun meist staatlich getragene Arbeit förderte.[3]

Die offene kirchliche Jugendarbeit in den Pfarreien existierte währenddessen weiter, wurde aber nie formal erfasst. In den Anfängen orientierte sie sich z. T. an den «schriftlichen Unterlagen der Schweizerischen Kirchlichen Jugendbewegung (SKJB) und der Arbeitsstelle Jugend- und Bildungsdienst (AJBD)»[4]. Mit der Gründung der «Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit, die später in Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit umbenannt wurde»[5], erhielt die kirchliche Jugendarbeit eine Fachstelle, welche «u. a. die Vernetzung der zentralen Akteure im Feld der kirchlichen Jugendarbeit sicher[stellt] (Jungwacht, Blauring und der Verband Katholischer Pfadfinderinnen und Pfadfinder; Verein Deutschschweizer JugendseelsogerInnen [Juseso-Verein] und die Deutschschweizer Arbeitsgruppe für MinistrantInnenpastoral [DAMP])»[6]. Es ist bezeichnend, dass die offene kirchliche Jugendarbeit in der Auflistung der Akteure im Feld der kirchlichen Jugendarbeit nicht erscheint. Eine Erwähnung in Perspektiven pfarreilich orientierter Jugendarbeit[7] aus dem Jahr 2003 zeigt jedoch, dass die offene kirchliche Jugendarbeit in den Pfarreien stets weiter betrieben wurde. In den Grundlagen zum Berufsbild kirchliche Jugendarbeiterin/kirchlicher Jugendarbeiter zeichnet sich eine Unterscheidung zwischen Offene Jugendarbeit in kirchlicher Trägerschaft und offener kirchlicher Jugendarbeit ab[8]. Diese wurde jedoch nicht weiter ausformuliert.

Die Offene Kinder- und Jugendarbeit etablierte sich in den folgenden Jahren immer mehr in den Städten und Gemeinden. Wo früher die Kirchen die Jugendarbeit betrieben, kamen Jugendanimationsstellen, -büros usw. hinzu, welche meist mit Jugendarbeitenden aus der soziokulturellen Animation besetzt wurden. Durch die Säkularisierung der Gesellschaft und die Einwanderung von Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen veränderte sich die bi-konfessionelle Gesellschaft zur multireligiösen Gesellschaft mit steigerndem Anteil an Säkularen bzw. Konfessionslosen.

Die jüngsten Entwicklungen stellen folgende Fragen an die offene kirchliche Jugendarbeit:

  • welche Position nimmt sie innerhalb der Jugendförderung ein?
  • welche Ziele verfolgt sie?
  • welches Profil dient jungen Menschen?

 

[1] Für weitere Ausführungen dazu vgl. Schenker, Freiheit. 

[2] Schenker, Freiheit 106.

[3] Vgl. Überblick über die Offene Kinder- und Jugendarbeit in der Deutschschweiz und die Soziokulturelle Animation in der Westschweiz und im Tessin, Kapitel 2 «Historischer Rückblick», DOJ 2019 https://doj.ch/wp-content/uploads/2019/09/Synthesertext_Sprachregionen_def.pdf

[4] Schenker, Freiheit 107.

[5] Schenker, Freiheit 107.

[6] Schenker, Freiheit 103f.

[7] Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit: Perspektiven pfarreilich orientierter Jugendarbeit 2003, 7.

[8] Vgl. Grundlagen kirchliche Jugendarbeiterin/kirchlicher Jugendarbeiter, S. 14ff, in Berufsbild kirchliche Jugendarbeiterin/kirchlicher Jugendarbeiter, Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit, Zürich 2012.

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1.2      OKJ mit kirchlichem Auftrag

2012 bis 2015 fand ein Prozess mit Beteiligten aus der Jugendpastoral und Vertretenden der DOK und RKZ statt, bei dem die Wichtigkeit der ausserverbandlichen Jugendarbeit vom dualen System der kath. Kirche der Deutschschweiz erkannt wurde. Daraus resultierte die Schaffung der Deutschschweizer Fachstelle für offene kirchliche Jugendarbeit, welche die OKJ als jugendpastoralen Auftrag erfassen, stärken und begleiten soll. Die DOK bekräftigte 2015 mit der Approbation der Statuten[1] des Trägervereins der Fachstelle OKJ diesen Auftrag, der sich folglich an alle Pfarreien und Kirchgemeinden der Deutschschweiz richtet.

 

OKJ als Teil einer partizipativen und mitverantwortlichen Kirche[2]

Der Auftrag der OKJ richtet sich gleichermassen an Hauptamtliche und junge Menschen. Er fordert den mitverantwortlichen Einbezug von jungen Menschen in die Kirche, denn sie sind nicht nur die Zukunft, sondern Gegenwart und bereichern sie mit ihrem Beitrag. (vgl. CV 64) Die kath. Kirche hat folglich den Auftrag, jungen Menschen Mitentscheidung, Mitgestaltung und Mitverantwortung zu ermöglichen und sie zu selbstbestimmten Beteiligungsformen zu befähigen (vgl. CV 241 und 245). Gleichzeitig ergibt sich aus dem Selbstverständnis der Kirche, dass sie kein Selbstzweck ist, sondern mitverantwortlich für alle Menschen und die Mitwelt ist. Daraus ergibt sich, dass die OKJ an allen jungen Menschen (vgl. CV 234/235) interessiert ist und sie zu partizipativen Vorhaben einlädt, welche die eigene Mitverantwortung stärkt.

 

OKJ als altersspezifische Kirche

OKJ steht für eine altersspezifische Verwirklichung von «Kirche sein»[3]. Sie versteht junge Menschen als vollwertigen Teil der Kirche, dem eine entsprechende Freiheit (vgl. CV 210) zugesprochen wird und der gleichzeitig im Dialog, Austausch und Zusammenarbeit mit der Gesamtpastoral bzw. in Beziehung zu den älteren Menschen steht (vgl. CV 198­-201 «gemeinsam wagen»). Zusammen mit weiteren Formen der Kirchlichen Jugendarbeit bildet sie zusammen mit dem Religionsunterricht Sek1 sowie der Katechese (für Jugendliche) die Jugendpastoral[4].

 

OKJ mit der Profession Kirchlicher Jugendarbeit

Kirchliche Jugendarbeitende weisen seit den 1970er[5] unterschiedliche Berufsqualifikationen und Vorbildungen aus, welche die Pfarreiteams interdisziplinär bereichern. Nebst Theologiestudium und der Ausbildung / dem Studium Religionspädagogik erarbeiten sie sich durch Weiterbildungen und berufliche Erfahrungen in der kath. Kirche eine eigene Profession. Kirchliche Jugendarbeiterinnen / kirchliche Jugendarbeiter verfügen seit 2011 über ein eigenes Berufsprofil[6]. Dieses Berufsprofil unterscheidet sich von Jugendarbeitenden der Offenen Jugendarbeit insofern, dass es Themen der Kirche wie Glauben, Spiritualität und Religion als festen Bestandteil ihrer Arbeit versteht.

 

[1] Vgl. Statuten des Trägervereins: Link zur Fachstelle (evtl. Kurzlink für Prinversion)

[2] Vgl. AD Teil III, insbesondere 123, sowie CV 203 und 206.

[3] Vgl. Klarsicht, Kapitel 3.

[4] Vgl. Klarsicht, Kapitel 2.

[5] Vgl. Schenker, Freiheit 106. Wobei hier aufgezeigt wird, dass der Beruf kirchliche Jugendarbeiterin / kirchlicher Jugendarbeit in der Folge des kirchlichen Um- und Aufbruchs der 70er Jahre entstanden ist. Bemerkenswert sind die seit je her vielfältigen Ausbildungen und Hintergründe der kirchlichen Jugendarbeitenden, was einen prägenden Einfluss auf das fachliche Selbstverständnis hat.

[6] Vgl. Berufsbild.

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1.3      Altersgruppen

Zur Zielgruppe der Jugendarbeit werden im Allgemeinen 12 bis 25-Jährige gezählt.[1] Darin gilt es entwicklungsbedingte Unterscheidungen zu erkennen, welche jedoch nur ungenau in Alterssegmenten abgebildet werden können. Kinder bis 12 Jahren gehören nicht zur Zielgruppe Jugend[2].

 

Ziel- und Altersgruppen der OKJ

Die OKJ zählt zu ihrer Zielgruppe alle[3] junge Menschen, die sich im Alter zwischen 12 und 29 Jahren[4] befinden. Die entwicklungsbezogene Zuordnung zu einer Altersgruppe ist künstlich und in der Realität verfliessen diese Übergänge. Aus den Arbeitsweisen sowie Kernzielen der OKJ, welche sich immer an der persönlichen Entwicklung des jungen Menschen orientiert, ergeben sich primäre, sekundäre und tertiäre Zielgruppen.

Die Zielgruppen ergeben sich, nebst einer Unterteilung in Alterssegmente, auch aus den Beobachtungen der Lebenswelt junger Menschen bezüglich ihrer Mobilität, veränderten Interessenslagen und Aneignung der Welt – vom Geburtsort bis Global. Daraus lässt sich schliessen, dass sich OKJ nicht ausschliesslich im Territorium der Pfarrei bzw. der Pastoralräume/Seelsorgeeinheiten realisierten darf, sondern sich auch im kategorialen Verständnis ausgestalten muss. Dazu muss sie auf regionaler, kantonaler und nationaler Ebenen jungen Menschen die Möglichkeit geben, mit Kirche aufgrund ihrer Interessen in Beziehung treten zu können. Bei jungen Erwachsenen ist eine internationale Zusammenarbeit angezeigt, mindestens aber eine Vernetzung zu Akteur*innen, welche in den verschiedenen Ländern der Welt aktiv sind.

 

Territoriale Jugendarbeit der OKJ

Jugendliche im Alter zwischen 12 und 15 Jahren bewegen sich primär in ihrer Stadt oder Gemeinde sowie den Agglomerationsgemeinden bzw. umliegenden Gemeinden. Dieses Territorium entspricht demjenigen der Pfarrei / Kirchgemeinde und den Pastoralräumen bzw. Seelsorgeeinheiten. Die OKJ bietet den Jugendlichen in diesem Lebensraum ihr entsprechende Möglichkeiten und hat daher einen starken Ortsbezug.

 

Kategoriale Jugendarbeit der OKJ

Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 25 Jahren verfügen über eine gesteigerte Mobilität und differenzieren ihre Interessen zunehmend aus. Dabei erhält das spezifische Interesse fortscheitend ein höheres Gewicht, wenn es um die Entscheidung bezüglich Freizeitgestaltung und Engagement geht. Die Suche nach Gleichgesinnten und interessenbezogenen Möglichkeiten überschreitet den Lebensraum 12 bis 15-Jähriger und führt sie dabei vermehrt auf regionale und kantonale Ebenen.

Kategoriale Jugendarbeit meint eine interessensbezogene Jugendarbeit, unabhängig des Wohnortes junger Menschen. Durch Beruf, Studium und andere biografische Begebenheiten werden im Alter der jungen Erwachsenen zunehmend Bekanntschaften gemacht, die sich über die Kantone hinaus erstrecken. Die damit entdeckten Orte und Möglichkeiten werden zu «Rauminseln» [5] in der Lebenswelt der jungen Erwachsenen, zu denen sie von ihrem Wohnort aus hinreisen. Die Beziehung zum Wohnort verändert sich dadurch in seiner Bedeutung als Lebensraum. Der Wohnort kann sich folglich von einer Ortgebundenheit zu einer Ortsverbundenheit wandeln oder er wird aufgrund von ökonomischen und verkehrstechnischen Gründen gewählt, wobei die «Rauminseln» die zentralen Orte der Freizeitgestaltung und des Engagements bilden. In beiden Fällen bedingen passende Möglichkeiten, den Interessen oder dem gewünschten Engagement nachgehen zu können, die aktive Teilnahme.

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Erläuterungen zur Illustration 

Tertiäre Zielgruppe (12 bis 15 Jahre)

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Die Darstellung zeigt in der Mitte den Erfahrungsschatz, den junge Menschen in der Pfarrei bzw. dem Pastoralraum / der Seelsorgeeinheit machen können. Dies deckt sich während dem Aufwachsen mit dem Lebensraum junger Menschen.

 

Bedürfnisorientiertes Arbeiten mit den Jugendlichen steht im Vordergrund. Die Ausgestaltung ist Angebotsgeprägt, um den Jugendlichen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung zu bieten, sich untereinander treffen zu können und gemeinsame Erlebnisse ausserhalb von Schule und Familie zu erleben.

Beziehungsaufbau, kennenlernen der Möglichkeiten der OKJ und Vorhaben mit einer angepassten Partizipation sind die primären Intentionen der Arbeit mit der tertiären Zielgruppe.

Die erforderlichen Kompetenzen liegen primär in der Begleitung und der soziokulturellen / spirituellen Animation. Qualifikationen im Bereich der Entwicklungspsychologie (inkl. religiöser Entwicklung), der Qualitätssicherung und -entwicklung sowie des Projektmanagements gewährleisten eine gute OKJ.

Primäre Zielgruppe (16 bis 25 Jahre)

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Der mittlere Bereich der Darstellung weist auf die regionale/kantonale Ebene hin, welche Interessen und Bedürfnissen in einem grösseren Lebensraum von jungen Menschen Raum bieten kann. Auf lokaler Ebene finden junge Menschen oft zu wenig Gleichgesinnte mit denselben spezifischen Interessen bzw. Bedürfnissen, um diesen als Gruppe nachgehen zu können. OKJ bietet diesen jungen Menschen durch regionale und kantonale Zusammenarbeit die Möglichkeit, entsprechende Projekte und Vorhaben realisieren zu können.

 

Interessensorientierter Diversität durch passende Erlebnis- und Resonanzräume begegnen, sowie erweiterte Möglichkeiten für junge Menschen bieten, steht im Vordergrund der Arbeit. Das Einbinden junger Menschen in Entscheidungsprozesse wird zentral und eine sich steigernde Partizipation wird animiert.

Begleitung, Coaching, Animation, Befähigung, gesteigerte bis hohe Partizipation und begleitete Selbstorganisation sind die vordergründigen Intentionen der Arbeit mit dieser Zielgruppe.

Die erforderlichen Kompetenzen von kirchlichen Jugendarbeitenden ergeben sich aus den Intentionen der Arbeit und bedingen entsprechender Weiterbildung. Personen mit Qualifikationen im Bereich der Sozialen Arbeit / soziokultureller Animation sowie andere Berufsausbildungen bzw. Vorbildungen bedürfen Zusatzqualifikationen in Religionspädagogik und Theologie, um fundiert die religiösen und spirituellen Suchprozesse von jungen Menschen unterstützen zu können. Personen mit einer religionspädagogischen und/oder theologischen Ausbildung anderseits bedürfen Zusatzqualifikationen im Bereich der Sozialen Arbeit / soziokulturellen Animation, um die sozialen und soziokulturellen Prozesse in dieser Lebensphase fundiert unterstützen zu können.

Sekundäre Zielgruppe (22 bis 29 Jahre)

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Der obere Bereich der Darstellung steht für die Ebenen Kantonal bis International, welche in der vorausgehenden Logik agiert. Hier spielt zudem der vertretbare Aufwand eine zentrale Rolle. Je nach Interesse und Bedürfnis lassen sich die Aufwände aufgrund der erforderlichen Ressourcen oder technischen Voraussetzungen nur noch auf Deutschschweizer oder nationaler Ebene vertreten.

 

Interessensorientierte Diversität mit passenden Erlebnis- und Resonanzräumen steht auch hier im Vordergrund. Hinzu kommt verstärkt die Bereitstellung von Möglichkeiten für das Engagement junger Erwachsener. Die Einbindung in Entscheidungsprozesse ist zentral und die Beteiligung in kirchlichen (Entscheidungs-)Gremien wird animiert.

Begleitung, Coaching, Animation, Befähigung, hohe Partizipation bis Selbstorganisation sowie die verantwortete Beteiligung junger Menschen in der OKJ zugunsten der tertiären und primären Zielgruppe sind die vordergründigen Intentionen der Arbeit mit der sekundären Zielgruppe.

Die Kompetenzen und Qualifikationen entsprechen denselben, wie für die primäre Zielgruppe. Hinzu kommen Qualifikationen im Bereich der Erwachsenenbildung und des Freiwilligenmanagements. Verstärkt gefordert ist zudem die Kompetenz der Unterstützung in Berufungsprozessen bzw. der Berufungspastoral.

 

[1] Vgl. KJFG, Art. 4a: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20092618/index.html und Grundlagen 8

[2] Vgl. Grundlagen 8 oder Shell Studie https://www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie.html

[3] «Auf der Synode wurde dazu ermutigt, eine Jugendpastoral aufzubauen, die fähig ist, inklusive Räume zu schaffen, wo Platz ist für jede Art von jungen Menschen und wo wirklich sichtbar wird, dass wir eine Kirche mit offenen Türen sind.» (CV 234)

[4] Die Jugendsynode hatte 16 – 29-Jährige im Blickfeld, vgl. KJFG Art 4b: https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20092618/index.html

[5] Deinet, Ulrich (Hrsg.); Sturzenhecker, Benedikt (Hrsg.): Handbuch Offene Kinder- und Jugendarbeit. Wiesbaden: Springer VS, 42013, 601ff.

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1.4      Grundhaltungen

Die Organisationsform resultiert aus der Offenheit gegenüber den pluralen Glaubens- und Lebenswirklichkeiten junger Menschen. Eine positive Sichtweise auf die Diversität von jungen Menschen zählt zu den Grundhaltungen offener kirchlicher Jugendarbeit. Leitend dafür ist die Überzeugung, dass alle jungen Menschen, unabhängig ihrer sozialen, kulturellen oder religiösen Zugehörigkeit, ihrer persönlichen Weltanschauung oder sexuellen Identität, von Gott vorbehaltslos angenommen sind.[1] Daher setzt sich die OKJ inner- wie ausserkirchlich für die Gleichberechtigung aller Menschen ein und wirkt gegen Geschlechterstereotypen sowie Diskriminierung jeglicher Art. Die Zuwendung Gottes ist ein Geschenk und an keine Verdienste oder Leistungen geknüpft[2], was die offene kirchliche Jugendarbeit zu einem Ort macht, der ohne Leistungsdruck und -beurteilung zu Beteiligung und Engagement animiert.

OKJ baut auf das personale Angebot der kirchlichen Jugendarbeiterin*/des kirchliche Jugendarbeiters*. In der Zusammenarbeit mit jungen Menschen sieht OKJ die Realisierung des Evangeliums auch dort, wo Vergemeinschaftung geschieht bzw. das Leben geteilt wird, ohne dass religiöse Praxen oder Sprache zum Ausdruck kommen. Die kirchliche Jugendarbeiterin*/der kirchliche Jugendarbeiter* repräsentiert die kath. Kirche in ihrer*/seiner Person* und schafft dadurch eine Situation, die jungen Menschen den Kontext Kirche[3] erkennen lässt.

Mit dem für junge Menschen erkennbaren Profil: «Diese Person kann ich für Fragen zu Glauben, Spiritualität und Religion ansprechen», schafft die kirchliche Jugendarbeiterin*der kirchliche Jugendarbeiter der OKJ einen animierenden Kontaktpunkt für junge Menschen. Sie reagiert dabei situationsgerecht auf die jungen Menschen mit ihren Bedürfnissen und Erwartungen. Weder preist OKJ eine eigene Glaubenslehre an, noch schliesst sie junge Menschen aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen aus. Sie wirkt im authentischen Masse vermittelnd zwischen den Glaubensvorstellungen der jungen Menschen und der Lehre der kath. Kirche.

 

Ökumene

Die Grundlagen OKJ sind aus der konfessionellen Wirklichkeit der röm.-kath. Kirche formuliert. Der Fachterminus OKJ möchte dabei keinen röm.-kath. Alleingang in der Arbeit mit jungen Menschen äussern. Das in den Grundlagen OKJ gezeichnete Profil möchte vielmehr ein erkenn- und fassbares Gegenüber bieten, das zur Zusammenarbeit und zur gelebten Ökumene führt. Dabei stehen die auf dem Glauben an den Auferstandenen beruhenden Gemeinsamkeiten im Vordergrund und geben genügend Anlass, wo immer möglich, gemeinsam für Menschen in der Lebensphase Jugend einzustehen und mit jungen Menschen Wege zu gehen, welche durch Geschwisterlichkeit geprägt sind.

 

[1] «Alle Jugendlichen sind ohne Ausnahme in Gottes Herz und somit auch im Herzen der Kirche.» (AD 117)

[2] Vgl. gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, Nr. 7.

[3] Vgl. Erlebnispädagogik, Lernmodell «The Mountains Speak for Themselves».

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1.5    Rahmen der offenen kirchlichen Jugendarbeit

OKJ ist ein professionelles Arbeitsfeld der Jugendpastoral, d. h. kirchliche Jugendarbeitende haben eine Anstellung, einen schriftlichen Auftrag und verfügen über entsprechende Ausbildungen. Sie verwirklichen zusammen mit Freiwilligen, jungen Menschen und Fachkräften aus verschiedenen Arbeitsbereichen OKJ.

OKJ reiht sich in die Kirchliche Jugendarbeit ein und positioniert sich innerhalb der Pastoral folgendermassen[1]:

 

Gesamtpastoral

101

Die Gesamtpastoral beinhaltet sämtliche Arbeitsbereiche der kath. Kirche der Schweiz: Jugend-, Familien-, Erwachsenen- und Seniorenpastoral. Hinzu kommen noch weitere kategoriale Seelsorgebereiche: Migratenseelsorge, Behindertenseelsorge, Gefängnisseelsorge, Spitalseelsorge usw.

Jugendpastoral

102

  • Religionsunterricht
    Sekundarstufe 1 und weiterführende Schulen
    Hauptziel: Kompetenzerwerb durch religiöse Bildung im Setting der formalen Bildung.
  • Katechese[2] mit Jugendlichen

LeRUka, Zyklen 3 und 4
Hauptziel: Beheimatung im Glauben und in der Pfarrei im Setting der non-formaler Bildung.

  • Kirchliche Jugendarbeit

12 bis 25-Jährige

Hauptziel: Entwicklung, Wegbegleitung und partizipativer Freizeitgestaltung im Setting der non-formalen und informellen Bildung[3].

Kirchliche Jugendarbeit

103

  • verbandliche Jugendarbeit
  • verbandsähnliche Jugendarbeit

Hauptziel: Entwicklung, Wegbegleitung und partizipative Freiraumgestaltung.

  • offene kirchliche Jugendarbeit

Hauptziel: Entwicklung, Wegbegleitung innerhalb der individuellen Glaubenswelt und partizipative Mitgestaltung der Kirche.

  • offene Jugendarbeit in kirchlicher (Mit-)Trägerschaft

Hauptziel: Entwicklung, partizipative Freiraumgestaltung sowie aktive und altersgerechte Beteiligung an der Gesellschaft.

Unterscheidung verbandliche / verbandsähnliche zu OKJ / OJA in kirchlicher Mitträgerschaft

Die Hauptunterscheidung liegt in der strukturellen Verfasstheit der beiden Formen der kirchlichen Jugendarbeit.

Verbandliche Jugendarbeit ist in lokalen Vereinen organisiert, welche sich auf nationaler Ebene zu einem Verband zusammengeschlossen haben (Jubla und VKP[4]). Die Angebote der Jugendverbände richten sich folglich an Kinder und Jugendliche, welche Mitglieder in einem ihrer Vereinen sind. Mit «verbandsähnlich» werden Jugendvereine in Pfarreien oder Jugendabteilung von Erwachsenenvereinen (z.B. Kolping) bezeichnet, welche jedoch über keine Verbandszusammenschluss verfügen. Sie richten ihre Angebote wie die Jugendverbände an ihre Mitglieder. Ebenso werden als «verbandsähnlich» die Ministrant*innenpastoral, kirchliche Jugendchöre, usw. bezeichnet. Die Beteiligung an ihren Angeboten sind an dauerhafte Verpflichtungen gebunden, wie der Ministrant*innendienst oder die Teilnahme an Chorproben.

Offene (Kirchliche) Jugendarbeit arbeitet bewusst ohne Mitgliederstrukturen oder dauerhaften Verpflichtungen. «Offen» bezeichnet folglich für Jugendliche die freie Beteiligung und Teilnahme an Projekten, Anlässen und Aktivitäten[5].

Offene kirchliche Jugendarbeit weist dabei mit «kirchlich» eine inhaltliche Unterscheidung zur Offenen Jugendarbeit aus: Themen der Kirche wie Glauben, Spiritualität und Religion sind festen Bestandteil ihrer Arbeit[6]. Demgegenüber steht das Prinzip «Offenheit» der OJA: «Dazu verhält sie sich konfessionell und parteipolitisch unbeteiligt.»[7]

Katholische Bewegungen und Initiativen

Katholische Jugendbewegungen und Jugendinitiativen sowie die Jugendarbeit von kath. Bewegungen sind Glaubensgemeinschaften mit je eigenen theologischen Schwerpunkten und Missionsverständnis. Die Gemeinschaften haben teilweise Ortsgruppen oder führen regionale und nationale Treffen durch. Sie unterscheiden sich von der Kirchlichen Jugendarbeit insofern, als dass sie sich ausserhalb der staatskirchenrechtlichen Struktur der katholischen Kirche der Schweiz befinden. Der grösste Teil von ihnen ist kirchliche anerkannt, dies bedeutet, dass ein Bischof ihre Statuten anerkannt hat. Über die Ordinarienkonferenz der Jugendvereinigungen (OKJV) findet ein Austausch zwischen den Bewegungen / Initiativen und der Kirchlichen Jugendarbeit statt. An verschiedenen Orten finden anlassbezogene Zusammenarbeiten statt, Kirchgemeinden stellen Ortsgruppen Räumlichkeiten zur Verfügung oder unterstützen sie durch Spendenbeiträge.

 

[1] Vgl. Klarsicht, Kapitel 2.

[2] Mit Katechese wird eine Sammlung verschiedenster Arbeitsfelder bezeichnet. Die Ausgestaltung der Angebote orientieren sich am Religionsunterricht. Eine Klärung, was Katechese ist bzw. wo ihre Abgrenzungen und Eigenheiten liegen, besteht nicht. In der OKJ kann es auch zu katechetischen Prozessen kommen. Dabei...

[3] Vgl. Wahrnehmen können. Jugendarbeit und informelle Bildung, (zur Kurzdefinition non-formal und informell siehe Fussnote 2 S. 12), Müller, Schmidt, Schulz, Lambertus, 2008.

[4] Der VKP ist ein Verband innerhalb der Pfadibewegung Schweiz und kein eigenständiger Verband wie die Jubla.

[5] Vgl. Schenker, Freiheit 105.

[6] Vgl. 1.2 OKJ mit kirchlichem Auftrag, OKJ mit der Profession Kirchlicher Jugendarbeit

[7] DOJ, Grundlagen 5.

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1.6      Offene Kinder- und Jugendarbeit in kirchlicher (Mit-)Trägerschaft

In einigen kath. Kirchgemeinden der Deutschschweiz existieren aufgrund von Zusammenarbeit mit der Gemeinde bzw. Stadt gemeinsame Trägerschaften für die Offene Kinder- und Jugendarbeit. Die Formen der kirchlichen Mitträgerschaft weisen dabei finanzielle, personelle und räumliche Beteiligungen auf. An vereinzelten Orten ist die kath. Kirchgemeinde alleinige Trägerin der OKJA.

«Die Offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein Teilbereich der professionellen Sozialen Arbeit mit einem sozialräumlichen Bezug und einem sozialpolitischen, pädagogischen und soziokulturellen Auftrag.»[1] OKJA verfügt über eigene Grundlagen[2] und kann nicht mit der OKJ gleichgesetzt werden, auch wenn eine kirchliche (Mit-) Trägerschaft besteht. Der Themenkreis Glaube, Spiritualität und Religion wird bewusst ausgeklammert, um einen Raum zu gewährleisten, in dem sich Jugendliche auf die soziokulturellen Herausforderungen fokussieren können.

Pfarreien / Kirchgemeinden, die Offene Kinder- und Jugendarbeit (mit-)tragen möchten, «sollten [...] klären, ob die eigenen Grundhaltungen und das eigene Menschenbild zu den geforderten Haltungen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit passen und ob die geforderte Abstinenz in der Glaubensvermittlung und der Missionierung durchgehalten werden kann.»[3]

Die Fachstelle OKJ steht dabei Kirchgemeinden und Pfarreien betreffend Offene Kinder- und Jugendarbeit in kirchlicher (Mit-)Trägerschaft aufgrund ihres Einsitzes im Vorstand des Dachverbands Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (DOJ) für Beratungen zur Verfügung.

Die fachliche Unterscheidung ist wichtig!

Die fachliche Unterscheidung schützt vor Missverständnis und fördert gelingende Zusammenarbeit zwischen Offener Jugendarbeit und offener kirchlicher Jugendarbeit.

Die Offene Jugendarbeit (OJA) ist eine wichtige Partnerin für die OKJ. Durch Zusammenarbeit können Synergien erschlossen werden, welche den jungen Menschen sowie der OJA und OKJ zugutekommen. So sind Formen gelingender Zusammenarbeit möglich, in denen für junge Menschen dennoch im Klarheit besteht, in welchem Rahmen sie sich gerade befinden. Die (Mit-)Trägerschaft der Kirche darf nicht dazu verwendet werden, Glaubensinhalte oder -praktiken in den Kontext der Offenen Jugendarbeit einfliessen zu lassen. Daher ist es wichtig, dass OKJ das kirchliche Profil innehat und so die Transparenz im Kontext der offenen Arbeit mit jungen Menschen gewährleistet.

Auf der Suche nach dem optimalen Zusammenspiel

Kirchliche Jugendarbeitende der OKJ können durch Mitarbeit in der OJA einen wichtigen Beitrag dahingehend leisten, dass z. B. der Jugendtreff vermehrt geöffnet werden kann oder die personelle Vielfalt der Jugendarbeitenden zugunsten der jungen Menschen erweitert wird.

OJA und OKJ haben nicht nur dieselbe Zielgruppe, die Prinzipien[4] der OJA decken sich bis auf «konfessionell unbeteiligt» gänzlich. Das gemeinsame Prinzip der Niederschwelligkeit verbindet OJA und OKJ durch ihre strukturelle Verfasstheit. Diesem Prinzip liegt das gemeinsame Anliegen zugrunde, gerade auch für bildungsfernere, sozial schwächer gestellte oder im Prozess der Integration befindende junge Menschen einfache, rasche und freie Zugangsmöglichkeiten bereitzustellen. Ebenso teilen OJA und OKJ den pädagogischen Auftrag, der die Entwicklung der jungen Menschen unterstützen will.

In der Offenen Jugendarbeit kommen die Themen Glauben, Spiritualität und Religion unweigerlich auf. OKJ kann sich dabei als kompetente Partnerin für diese Themen anbieten und so ergänzend wirken. Vertiefende Auseinandersetzungen zu Glauben, Spiritualität und Religion kann die OKJ in deklarierten Settings (auch im Jugendtreff der OJA) aufgrund des Bedarf anbieten. Gleichzeitig profitiert die OKJ vom Know-How der Jugendarbeitenden der OJA und kann durch Zusammenarbeit ihre eigenen Projekte optimieren.

 

[1] DOJ, Grundlagen 5.

[2] Vgl. DOJ, Grundlagen.

[3] DOJ, Religiöse Organisationen.

[4] Vgl. DOJ, Grundlagen 5. 

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