1. Offene kirchliche Jugendarbeit der katholischen Kirche der Deutschschweiz

 

1.1      Historische Herleitung

Offene kirchliche Jugendarbeit als bewusstes Arbeiten mit jungen Menschen im kirchlichen Kontext ist nicht erst im 21. Jahrhundert entstanden. In den 1970er Jahren entwickelte sich durch Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils und den Auswirkungen der 1968er-Bewegung die ausserverbandliche kirchliche Jugendarbeit in Pfarreien.[1] Offene kirchliche Jugendarbeit war von Beginn an ein interdisziplinäres Vorhaben von Jugendarbeitenden mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen. Nebst den kirchlichen Jugendarbeitenden, die aus der verbandlichen kirchlichen Jugendarbeit hervorgingen, waren Fachpersonen aus der «Erziehungswissenschaften bzw. der Pädagogik, der Psychologie, der Sozioologie und später auch der Soziokulturellen Animation»[2] an der Gestaltung der ausserverbandlichen Jugendarbeit der kath. Kirche beteiligt. Die kath. Jugendverbände waren noch stark dem kath. Milieu zugewandt und die gesellschaftlichen Veränderungen stellte die Frage nach einer Jugendarbeit, die sich auch (!) Jugendlichen ausserhalb der (kath.) Jugendverbände zuwendet. Gemeinsames Ziel war zudem, die Jugendarbeit zu professionalisieren und entsprechende Ausbildungen zu schaffen.

In den folgenden Jahrzehnten entstand ein Bewusstsein der Politik, Kinder und Jugendliche gezielt in den Blick zu nehmen und die Partizipation und Förderung voranzutreiben. Ausbildungsstätten für die Jugendarbeit wurden geschaffen und mit der Gründung des Dachverbandes Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (DOJ) im Jahr 2002 erhielt die Offene Kinder- und Jugendarbeit auf nationaler Ebene eine Struktur, welche die nun meist staatlich getragene Arbeit förderte.[3]

Die offene kirchliche Jugendarbeit in den Pfarreien existierte währenddessen weiter, wurde aber nie formal erfasst. In den Anfängen orientierte sie sich z. T. an den «schriftlichen Unterlagen der Schweizerischen Kirchlichen Jugendbewegung (SKJB) und der Arbeitsstelle Jugend- und Bildungsdienst (AJBD)»[4]. Mit der Gründung der «Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit, die später in Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit umbenannt wurde»[5], erhielt die kirchliche Jugendarbeit eine Fachstelle, welche «u. a. die Vernetzung der zentralen Akteure im Feld der kirchlichen Jugendarbeit sicher[stellt] (Jungwacht, Blauring und der Verband Katholischer Pfadfinderinnen und Pfadfinder; Verein Deutschschweizer JugendseelsogerInnen [Juseso-Verein] und die Deutschschweizer Arbeitsgruppe für MinistrantInnenpastoral [DAMP])»[6]. Es ist bezeichnend, dass die offene kirchliche Jugendarbeit in der Auflistung der Akteure im Feld der kirchlichen Jugendarbeit nicht erscheint. Eine Erwähnung in Perspektiven pfarreilich orientierter Jugendarbeit[7] aus dem Jahr 2003 zeigt jedoch, dass die offene kirchliche Jugendarbeit in den Pfarreien stets weiter betrieben wurde. In den Grundlagen zum Berufsbild kirchliche Jugendarbeiterin/kirchlicher Jugendarbeiter zeichnet sich eine Unterscheidung zwischen Offene Jugendarbeit in kirchlicher Trägerschaft und offener kirchlicher Jugendarbeit ab[8]. Diese wurde jedoch nicht weiter ausformuliert.

Die Offene Kinder- und Jugendarbeit etablierte sich in den folgenden Jahren immer mehr in den Städten und Gemeinden. Wo früher die Kirchen die Jugendarbeit betrieben, kamen Jugendanimationsstellen, -büros usw. hinzu, welche meist mit Jugendarbeitenden aus der soziokulturellen Animation besetzt wurden. Durch die Säkularisierung der Gesellschaft und die Einwanderung von Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen veränderte sich die bi-konfessionelle Gesellschaft zur multireligiösen Gesellschaft mit steigerndem Anteil an Säkularen bzw. Konfessionslosen.

Die jüngsten Entwicklungen stellen folgende Fragen an die offene kirchliche Jugendarbeit:

  • welche Position nimmt sie innerhalb der Jugendförderung ein?
  • welche Ziele verfolgt sie?
  • welches Profil dient jungen Menschen?

 

[1] Für weitere Ausführungen dazu vgl. Schenker, Freiheit. 

[2] Schenker, Freiheit 106.

[3] Vgl. Überblick über die Offene Kinder- und Jugendarbeit in der Deutschschweiz und die Soziokulturelle Animation in der Westschweiz und im Tessin, Kapitel 2 «Historischer Rückblick», DOJ 2019 https://doj.ch/wp-content/uploads/2019/09/Synthesertext_Sprachregionen_def.pdf

[4] Schenker, Freiheit 107.

[5] Schenker, Freiheit 107.

[6] Schenker, Freiheit 103f.

[7] Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit: Perspektiven pfarreilich orientierter Jugendarbeit 2003, 7.

[8] Vgl. Grundlagen kirchliche Jugendarbeiterin/kirchlicher Jugendarbeiter, S. 14ff, in Berufsbild kirchliche Jugendarbeiterin/kirchlicher Jugendarbeiter, Deutschschweizer Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit, Zürich 2012.