6.2           Solidarität verwirklichen

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OKJ anerkennt die solidarische Grundhaltung und achtet das hohe Empathievermögen junger Menschen. OKJ nimmt dabei die Sensibilität von jungen Menschen gegenüber Ungerechtigkeiten und lebenshemmenden Umständen ernst und fördert die aktive Solidarität. OKJ situiert dabei die Solidarität im Erkennen eines Sinnes des Engagements. Einen Sinn zu erkennen setzt Kräfte frei, sich für ein Anliegen einsetzen oder engagieren zu wollen. Sinnhaftigkeit sieht OKJ immer auch vor dem Hintergrund der eigenen Berufung.[1] Darum arbeitet die OKJ zusammen mit jungen Menschen Aktionen und Projekte aus, die dem Anliegen der jungen Menschen entsprechen. Im Engagement für das Gemeinwohl liegt die «persönliche Mission auf der Erde» (Papst Franziskus), die Sinnstiftend wirkt. «Es geht nicht einfach darum, etwas zu tun, sondern es mit Sinn und Ziel zu tun.» (CV 257) So soll die Sensibilisierung gegenüber Ungerechtigkeit und Missstände stets ein Zwischenziel sein, das junge Menschen zu Engagement führt und ihre eigene Existenz immer auch als Existenz für die Anderen erkennen lässt. (vgl. CV 254-258)

In der Zusammenarbeit mit jungen Menschen ergeben sich verschiedene Verwirklichungsformen von Solidarität. Junge Menschen mit den gleichen «projektbezogenen Interessen» (z.B. bewilligter Aufenthalt auf dem Kirchenareal auch am Abend) solidarisieren sich miteinander, um gemeinsam in bestimmten Situationen Wirkung zu erzielen oder ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Diese Solidarität ist von beschränkter Dauer, da sie zweckgerichtet ist. Ist der gewünschte Zustand bzw. das Ziel erreicht oder die Aktion beendet, löst sich die Interessen-Solidarität meist auf.

Junge Menschen solidarisieren sich auch aufgrund einer gemeinsamen Gesinnung. Die Sorge um das Klima, das Pflegen von bestimmten Gebetsformen oder Glaubenspraktiken, der Bedeutung des interreligiösen Dialog nachgehen oder das zu Tage bringen von strukturellen Ungerechtigkeiten usw. führen junge Menschen in ein Einheitsbewusstsein, das sie zu einer Gruppen zusammenführt. Diese «Solidarität der Gesinnung» ergibt sich oft durch den Dialog untereinander. Sie beruht auf gemeinsamen Ideen und Werten, die weiterentwickelt werden und ein «Wir für... Gefühl» erzeugen. Das Bewusstsein der Einheit als Gruppe bringt Solidarität untereinander hervor, die durch gegenseitig freiwillige Verpflichtung zu gemeinsamen Leistungen führen. Sie kann aber auch Gefahr laufen, in eine Gruppendynamik zu kippen, welche ein «Wir gegen die...» oder eine elitäre Selbsterhöhung zur Folge hat.

Schicksalshafte Ereignisse, bedrückende Biographien, beschämende Erkenntnisse oder vor Augen tretende Not führen junge Menschen zu Solidaritätsaktionen, welche ein engagiertes Entgegenwirken realisieren wollen. Sie solidarisieren sich aufgrund der eigenen (emotionalen) Betroffenheit mit den Betroffenen und engagieren sich mit ihren Kräften und Möglichkeiten für die Linderung oder Verbesserung der Situation. Gleichzeitig entsteht eine Solidarität untereinander, die Motivation erzeugt und die gegenseitige Abhängigkeit erlebbar macht, um ein wirkungsvolles Resultat zu erreichen. In dieser Wechselwirkung zwischen solidarisch gegenüber Betroffenen sein und Solidarität untereinander, erleben junge Menschen, dass das Engagement für Andere beglückende Gefühle hervorbringen kann. Dabei kann auch die Gefahr bestehen, dass Solidaritätsaktionen zu reinen Abenteuern verkommen, welche die reale Not der Betroffenen marginalisiert.

OKJ begegnet Solidarität differenziert und regt junge Menschen an, über die Beweggründe, dahinterliegenden Wertvorstellungen und ihr Verständnis von Solidarität nachzudenken und in den Austausch zu kommen. Initiativen, Aktionen und Projekte sollen daher auch immer reflektiert werden, um die damit zusammenhängenden Dynamiken zu erkennen und die Sinnhaftigkeit der Solidarität für die eigenen Wertvorstellungen erschliessen zu können. OKJ verzichtet auf plumpe, (christlich motivierte) Moralapelle, welche solidarisches Handeln einfordern. Vielmehr regt sie zum weiten und aufmerksamen Blick auf die realen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen und Gegebenheiten an. Sie scheut dabei auch nicht das Ansprechen der realistischen Begrenztheit des solidarischen Handelns in den immer unüberschaubarer werdenden globalen Verhältnissen.[2]

OKJ verhält sich zu jungen Menschen solidarisch und legt somit einen erlebbaren Grundstein, was Solidarität zwischen Menschen für Auswirkungen erzeugt. Junge Menschen haben wie alle Menschen einen natürlichen individuellen Egoismus, der durch die Kraft der Solidarität gezügelt werden will. Der Reich Gottes-Theologie und der «Lebensweise Jesu von Nazareth» (Synode 72) folgend wirkt OKJ in Zusammenarbeit mit den jungen Menschen gegen lebenshemmende Umstände und engagiert sich für «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.» (Magna Charta 2.4) Sie schafft dadurch Möglichkeiten des solidarischen Handelns[3] und darin Erkenntnisse zu erschliessen. Momentane Nachteile oder nicht direkt gewinnbringende Investitionen (Zeit, Energie usw.) gehören zum solidarischen Handeln, können längerfristig jedoch dem Eigeninteressen nutzen.

Das Kernziel «Solidarität verwirklichen» beinhaltet die Überzeugung, dass junge Menschen wirksam handeln können und für das Gemeinwohl gewinnbringend sind. Es führt jungen Menschen die gegenseitigen Abhängigkeiten und Bedingtheiten in der Welt vor Augen und lässt sie erfahren, dass sie Teil eines grossen Ganzen sind. Das Kernziel «Solidarität verwirklichen» fördert folglich bei jungen Menschen das Vertrauen, dass sie durch die Solidarität anderer in diesem grossen Ganzen aufgehoben sind. Dieses Vertrauen wird durch die Tatsache verstärkt, dass durch gemeinsames Engagement das Bewusstsein wächst, dass auch andere solidarisch sind. Die eigene Existenz als «Dein Für-die-anderen-da-Sein» (Papst Franziskus in CV) zu erleben soll bei jungen Menschen das Vertrauen ins Leben und die Mitmenschen stärken, dass andere mit ihrer Existenz für mich da sind und da sein werden.

 

[1] Berufungsprozesse beinhalten auch die Klärung, mit was bzw. mit wem soll ich mich solidarisieren? Wohin soll mein Engagement gerichtet sein, damit es mit den Anliegen in meinem Innersten und meinen erkannten Fähigkeiten überreinstimmt?

[2] Vgl. Schlag, Thomas, Brinkmann, Frank Thomas, Art. Solidarität, in: Wissenschaftlich Religionspädagogisches Lexikon im Internet (www.wirelex.de), 2016

[3] Auch hier agiert die OKJ im Bewusstsein, dass sie starke Erlebnisse schaffen kann, die Erfahrung jedoch durch Prozesse des Subjekts entstehen muss. Solidarisches Handeln kann auch zu Frustration oder dem Gefühl von ausgenutzt, nicht wertgeschätzt werden führen. Diese Realitäten müssen wie positives Erleben von solidarischem Handeln reflektiert werden, damit das Subjekt das Erlebte verarbeiten kann und daraus Erfahrungen erwachsen können, die Leben-stärkend wirken.