6.3           Mitgestaltung fördern

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OKJ anerkennt die für Kirche und Gesellschaft relevante Funktion von jungen Menschen als Seismographen[1] bezüglich fördernden oder hinderlichen Realitäten. Junge Menschen (re-)agieren auf Vorgefundenes der Gegenwart mit einem in die Zukunft gerichteten Blick, der vom Bewusstsein durchdrungen ist, die vorgefundenen Umstände zukünftig tragen zu müssen. Durch den Prozess der «Anverwandlung der Welt»[2] drängt sich ein Dialog zwischen den Generationen auf, in dem die Generationen, welche die Welt bis anhin gestaltet haben, mit der Generation, die darin aufwächst und sie in zunehmenden Masse gestalten wird, in eine Resonanzbeziehung treten können.

Junge Menschen sind die Protagonist*innen ihrer Lebens- und Glaubenswelt und prägen die Belange ihrer Generation in einem hohen Masse. Dabei kommt es unausweichlich zu Überschneidungen und Konflikten mit der Erwachsenenwelt, die den bestimmenden Anteil in Kirche und Gesellschaft ausmacht. Junge Menschen bringen mit ihren Talenten, Fähigkeiten und ihrer Kreativität wichtige Bewegungen in die Entwicklungen von Kirche und Gesellschaft und sind dabei bereit, Verantwortung zu übernehmen. Diese Dynamik gilt es in Kirche und Gesellschaft aufzunehmen und jungen Menschen Mitgestaltung zu ermöglichen. Der Einbezug von jungen Menschen in Entscheidungen und Entwicklungen verhindert, dass Überholtes das Leben negativ beeinflusst und fördert die generationenverbindende Mitverantwortung für Kirche und Gesellschaft.

Die seismographische Funktion von jungen Menschen zeigt sich nicht als ablesbaren Kurvenverlauf, der eindeutigen Aufschluss über sich anbahnende Unruhen gibt. OKJ versteht sich daher als Anzeigeinstrument der seismographischen Fähigkeit junger Menschen. Sie erörtert bei jungen Menschen die Hinweise, welche Aufschluss über ihr Befinden und ihre Wahrnehmungen geben. Dabei sucht sie in Gesprächen und Beobachtungen nach Gründen für Unbehagen, Desinteresse, Begeisterung, Schweigen, Murren, Interesse, Ablehnung usw. OKJ befähigt darin junge Menschen, ihre Wahrnehmungen zu formulieren und kundzutun, um Förderndes zu bewahren oder frühzeitig auf den Bedarf nach Veränderungen hinzuweisen. Gleichzeitig sensibilisiert sie junge Menschen für unterschiedliche Realitäten und überlässt dabei die Deutung bzw. Beurteilung den jungen Menschen. Sie verzichtet darauf, die seismographische Funktion von jungen Menschen zu justieren, sondern bringt die jungen Menschen mit ihren Deutungen und Beurteilungen untereinander in den Austausch.

«Es sind junge Menschen, welche die Protagonisten, die Hauptdarsteller der Veränderung sein wollen. Ich bitte euch, lasst nicht zu, dass andere die Hauptdarsteller der Veränderung sind! Ihr seid die, denen die Zukunft gehört!» (CV 174)

«Junge Katholiken sind nicht nur die Zielgruppe pastoralen Handelns, sondern lebendige Glieder des einen kirchlichen Leibes, Getaufte, in denen der Geist des Herrn lebt und wirkt. Sie tragen dazu bei, das zu bereichern, was die Kirche ist, und nicht nur das, was sie tut. Sie sind ihre Gegenwart und nicht nur ihre Zukunft. Junge Menschen sind Protagonisten bei vielen kirchlichen Aktivitäten, bei denen sie ihren Dienst großherzig anbieten.» (AD 54)

Die Jugendsynode hat junge Menschen als relevante Protagonist*innen für die Kirche und Gesellschaft anerkannt. OKJ fördert junge Menschen, Hauptdarsteller*innen in den Bereichen zu sein, welche durch ihre seismographische Kompetenz für sie relevant sind/werden. Dabei schafft die OKJ zusammen mit jungen Menschen Erlebnisräume, in denen sie Protagonist*innen sind und dies darin durch grosse Eigenständigkeit im Entscheiden und Handeln erleben können. Dabei leitet sie die Haltung, dass junge Menschen möglichst selbst die Protagonist*innen der OKJ sind und massgebend an der Ausgestaltung der OKJ beteiligt sind. OKJ wird dann zu einem Ort für junge Menschen, wenn junge Menschen erleben, dass OKJ ihr Raum ist, in dem sie ausprobieren und ihre Ideen, Talente und Kreativität verwirklichen können.

OKJ fordert von Kirche und Gesellschaft deshalb ein, junge Menschen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen und Mitgestaltung durch junge Menschen zu realisieren[3]. Sie zeigt Möglichkeiten der echten Teilhabe von jungen Menschen in kirchlichen Gremien und Entscheidungsprozessen auf und fordert adäquate Formate der Beteiligung von jungen Menschen ein. Gemeinsam mit ihren Netzwerkpartner*innen engagiert sie sich dafür, dass junge Menschen auch an gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen und Veränderungen partizipieren können.

Der Anspruch an die Qualität leitet sich auch aus der Überzeugung ab, dass die in der Lebensphase Jugend gemachten Erfahrungen, erworbenen Kompetenzen und die «Anverwandlung von Welt», zum festen Bestandteil der Persönlichkeit werden. Im Kontext der Forderung der Jugendsynode, junge Menschen als Protagonist*innen zu fördern, ergibt sich ebenfalls die Sichtweise, junge Menschen als Multiplikator*innen zu betrachten. Sie geben auf ihre Art weiter, was sie empfangen haben und können dadurch im Freundeskreis sowie bei anderen jungen Menschen in altersgerechter Weise vervielfältigend und verstärkend wirken. Voraussetzungen dafür sind die Interessen bzw. die Betroffenheit der jungen Menschen und die Vertiefung dieser in qualitativ gut ausgestalteten Settings. Junge Menschen dürfen nie als Überbringer*innen von Inhalten dienen, denen sie nicht zustimmen oder wenig Bezug haben. Ein*e Multiplikator*in weist darum immer eine persönliche Motivation und inhaltliches Interesse auf. Der Wunsch, es an andere weiterzugeben, wächst in jungen Menschen, wenn sie das Thema für wichtig erachten und sich inhaltlich kompetent fühlen.

Junge Menschen erleben in der OKJ, dass sie zur Mitgestaltung von Kirche und Gesellschaft erwünscht und erforderlich sind. Der Miteinbezug von jungen Menschen in Entscheidungsprozesse und deren Umsetzungen bewirkt bei den jungen Menschen ein verstärktes Interesse, gesteigerte Übernahme von Verantwortung und schafft Identität zur Kirche und gesellschaftlichen Angelegenheiten. Das Kernziel «Mitgestaltung fördern» beinhaltet die Überzeugung, dass die echte Teilhabe von jungen Menschen an Kirche und Gesellschaft nicht nur von der Erwachsenenwelt zugelassen[4] wird, sondern durch die Anerkennung des gegenseitigen gestifteten Mehrwerts ernsthaft gesucht und vollzogen werden muss. Das Kernziel «Mitgestaltung fördern» stärkt dabei die Entwicklung der jungen Menschen, indem es Mitgestaltung und Übernahme von Verantwortung als feste Bestandteile des Lebens einübt. Daraus erwachsen für die jungen Menschen Kompetenzen, die für ihre Lebensgestaltung wichtig sind und ihre Selbstständigkeit stärken.

 

[1] Vgl. dazu Kapitel 4.3 «Junge Menschen sind Seismographen und Protagonist*innen»

[2] Vgl. dazu Kapitel 2 «Bezugsrahmen der OKJ»

[3] Vgl. Kapitel 5.5 «Partizipative OKJ»

[4] Die Mitgestaltung von junge Menschen darf nicht als Spielwiese, die von Erwachsenen gutmütig jungen Menschen zur Verfügung gestellt wird, verstanden werden.