Einleitung

Die ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode 2018 (im Folgenden «Jugendsynode» genannt) stellte in der Kirchengeschichte ein Novum dar: Zum ersten Mal in der über 2000-jährigen Geschichte der katholischen Kirche standen junge Menschen im Zentrum weltkirchlichen Handelns. Bischöfe aus der ganzen Welt sind untereinander und mit eingeladenen Expert*innen und Auditor*innen über «die Jugendlichen, den Glauben und die Erkenntnis der Berufung» ins Gespräch gekommen. Das Reden und Nachdenken über die Bedeutung junger Menschen für die katholische Kirche ging und geht über die drei Synodenwochen im Oktober 2018 hinaus. Im Zuge der Jugendsynode entstanden viele Projekte und Initiativen mit dem Ziel, die Anliegen, Aufforderungen und Hoffnungen der Synodenteilnehmer und nicht zuletzt auch von Papst Franziskus in den jeweiligen kulturellen Kontexten umzusetzen. So erfuhren auch die vorliegenden Grundlagen der offenen kirchlichen Jugendarbeit ihren Anstoss in der intensiven Auseinandersetzung der Deutschschweizer Fachstelle für offene kirchliche Jugendarbeit mit dem Prozess der Jugendsynode 2018. Gleichzeitig interpretieren die Grundlagen die Ergebnisse der Jugendsynode aus der Perspektive der offenen kirchlichen Jugendarbeit.

 

Ziel und Zweck der Grundlagen zur offenen kirchlichen Jugendarbeit

Die offene kirchliche Jugendarbeit (im Folgenden «OKJ» genannt) als ein Bestandteil der kirchlichen Jugendarbeit ist innerhalb der Jugendpastoral ein eigenes Arbeitsfeld. Auch gegenüber der kommunalen offenen Kinder- und Jugendarbeit (im Folgenden «OJAK» genannt) stellt sie ein eigenständiges Arbeitsfeld dar. Während für die kirchliche Jugendarbeit bereits diverse Grundlagen und Arbeitshilfen[1] vorliegen, fehlt für die offene kirchliche Jugendarbeit ein Grundlagenpapier, welches dieses Arbeitsfeld in ihrer Gesamtheit darstellt. Die vorliegenden Grundlagen schliessen ebendiese erkannte Lücke und beschreiben die offene kirchliche Jugendarbeit mit dem Ziel, diese als eigenständiges Arbeitsfeld der Jugendpastoral zu stärken.

Die Grundlagen OKJ sind als Fundament zu verstehen, welche auf dem Austausch mit kirchlichen Jugendarbeitenden und Beobachtungen der lokalen offenen kirchlichen Jugendarbeit basieren. Dazu ergänzend hat die Fachstelle OKJ einige Innovationen und Initiativen umgesetzt sowie fachspezifische Entwicklungen reflektiert, welche ebenfalls in diese Grundlagen einfliessen. Desweiteren fussen sie auf den bereits erwähnten Unterlagen und Arbeitshilfen der kirchlichen Jugendarbeit und kombinieren diese mit den Ergebnissen der Vorversammlung zur Jugendsynode (März 2018), den Erkenntnissen der Synodenteilnehmer in Form des Abschlussdokumentes und insbesondere dem nachsynodalen apostolischen Schreiben Christus vivit. Von diesem Selbstverständnis her sind die Grundlagen OKJ nicht als Konzept, Werbekampagne, Argumentarium etc. zu lesen, sondern als richtungsgebende Grundlage, um in den verschiedensten Funktionen und Rollen in der offenen kirchlichen Jugendarbeit engagiert zu sein.

Weil die Grundlagen OKJ als Fundament das Arbeitsfeld der offenen kirchlichen Jugendarbeit in ihrer Gesamtheit darstellt, zielen sie auf eine breite inner- und ausserkirchliche Leser*innenschaft ab. So sollen die Grundlagen OKJ beispielsweise kirchlichen Jugendarbeitenden in Pfarreien, Mitgliedern staatskirchenrechtlicher Entscheidungsgremien, Absolvent*innen des ForModula Ausbildungsgangs oder Studierenden einer religionspädagogischen Ausbildung eine adäquate und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Arbeitsfeld der offenen kirchlichen Jugendarbeit ermöglichen. Daraus resultieren allerdings für die jeweiligen Settings unterschiedliche Konkretisierungen der Grundlagen OKJ. Während die Grundlagen den kirchlichen Jugendarbeitenden in der Bildung/Entwicklung eines eigenen Profils vor Ort verhelfen/unterstützen sollen, können sich Studierende oder Mitglieder eines staatskirchenrechtlichen Entscheidungsgremiums anhand der Grundlagen dem Arbeitsfeld der offenen kirchlichen Jugendarbeit fundiert annähern. Die spezifisch zielgruppenorientierte Aufbereitung der Grundlagen OKJ erfolgt in einem nächsten Schritt im Anschluss an die Veröffentlichung dieser Grundlagen.

 

Ausgangslage und Ziel offener kirchlicher Jugendarbeit

Die Trägerschaft der offenen kirchlichen Jugendarbeit ist die röm.-kath. Kirche mit ihrem Glauben an die befreiende Kraft des Dreieinen Gottes. Die OKJ agiert folglich aus diesem Glauben heraus mit jungen Menschen und geht von der durch Jesus Christus offenbarten Präsenz Gottes in den Menschen und «in der Welt von heute» (GS) aus. Der Glaube als Grundlage für die Arbeit in der OKJ führt zu einer unhintergehbaren Haltung der absoluten Hinwendung zu allen (jungen) Menschen. Die kontextuellen Realisierungen werden dabei immer auch vom Glauben der jeweiligen kirchlichen Jugendarbeitenden und ihren individuellen Nuancierungen geprägt.

Auch wenn OKJ aus dem Glauben heraus handelt, wird eine Engführung des Arbeitsfeldes auf ausschliesslich religiös-spirituelle Inhalte der Arbeitsweise nicht gerecht. Das Arbeiten mit jungen Menschen im Kontext offener kirchlicher Jugendarbeit darf nie (religiös-spirituell) vereinnahmend sein und wahrt immer auch den Moment der Ergebnisoffenheit. Dies bedeutet in der Umsetzung, dass Projekte, Aktivitäten oder Anlässe im Rahmen offener kirchlicher Jugendarbeit nicht immer spirituell konnotiert sein oder religiös gedeutet werden müssen. Der Bezug zu Glaubensaspekten oder zum Religiösen vollzieht sich auf mannigfache Art und Weise.

Leitend für die Arbeit in der offenen kirchlichen Jugendarbeit ist die Erkenntnis, dass junge Menschen ein Verlangen an der Auseinandersetzung mit Lebens-, Sinn- und Glaubensfragen haben. Dies zeigen nicht zuletzt verschiedene Studien[2] und die zahlreichen Erfahrungen kirchlicher Jugendarbeitenden auf. Die Institution Kirche mag vielen jungen Menschen sehr fremd sein, doch die Fragen nach dem Woher und Wohin oder das Nachdenken über den Sinn des Lebens sind aktueller denn je.

In diesen Fragen treten Kirchliche Jugendarbeitende der OKJ für junge Menschen als geeignete Gesprächspartner*innen auf Augenhöhe auf, die es verstehen, den jungen Menschen anhand verschiedener Zugänge eine Auseinandersetzung mit ihren Fragen zu ermöglichen. Die OKJ schafft dafür Erlebnis- und Resonanzräume, in denen junge Menschen mit dem unendlichen Gott, dem menschennahen Jesus Christus und der Geistkraft des Heiligen Geistes in unterschiedlicher Weise in Berührung kommen können. Dabei möchte die OKJ immer auch junge Menschen in der eigenen (religiösen) Identitätsarbeit unterstützen. Sie anerkennt aber gleichzeitig, dass Glauben letztlich immer ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und dem Individuum ist.

 

[1] Vgl. dazu Klarsicht, Berufsbild, Macht Mut, Haltungspapiere Jugendverbände

[2] Z.B. Vgl. Stolz Jürg, Religion in der Ich-Gesellschaft ..., SHELL-Studie? Sinus?